26.04.2022 — Nigeria / Großbritannien / Deutschland
Völkermord gestern und heute (12/12) 4 Fazit Alle Waffenlieferer für Nigeria und Biafra, zeichneten sich durch ein Unverständnis für menschliches Leid in Biafra aus, weil sie politisch und nicht moralisch handelten. Auch der SDS hat über einen signifikant langen Zeitraum diese Position vertreten. Andererseits führte eine erneute Waffenlieferung aus Großbritannien im Winter 1969/70 zum Sieg Nigerias und somit zum Ende des Krieges. Alle Seiten wendeten unsägliche NS-Vergleiche an, um die gegnerische Position zu verteufeln und verhinderten auf diese Weise Friedensgespräche, die durch die andauernden Waffenlieferungen ohnehin nicht zu einer dauerhaften Waffenruhe geführt hätten. Einen erheblichen Anteil daran hatte biafranische Propaganda, die von biafranischen, kirchlichen und studentischen Gruppen in West-Deutschland teilweise reproduziert wurde. Sie nutzten den moralischen Kompass der sozialen Bewegungen, dass Krieg und Völkermord zu verhindernde Dinge seien aus, um Spenden zu generieren und den Krieg auf diese Weise künstlich zu verlängern. Auf diese Weise verhinderten sie eine ernste, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der humanitären Krise in Biafra. So schwanken die vermuteten Todeszahlen noch heute zwischen 1-3 Millionen. Die Manöver rund um den Biafra-Krieg fügten dem Bild von Humanitärer Hilfe gleichzeitig Schaden zu, aber sie bildeten auch den Startschuss für das ambivalente und Dilemma-behaftete System Humanitärer Hilfe. Anhand der ausgewählten Schriften der Protestbewegungen in West-Deutschland lässt sich eine Auseinandersetzung mit Biafra, sogar Teile eines öffentlichen Diskurses erkennen. Dies widerspricht Heertens Aussage, „Biafra“ lasse sich nicht in das Protestjahr der Neuen Linken 1968 einordnen. Außerdem lassen sich die Eskalationsstufen biafranischer Propaganda von Kommuniqués über Pressekonferenzen bis hin zu einer Bilderflut der Biafra-Kinder nachvollziehen: Zunächst Schlagworte des „Völkermords“, dann die Fokussierung auf das Leid der Biafra-Kinder und schließlich ein Abebben der Berichterstattung und der aktivistischen Materialien ab Ende 1968, obwohl der Krieg keineswegs vorbei war. Zu dieser Zeit wurde der Bericht „No Genocide“ veröffentlicht. In den Materialien werden, zum Beispiel von Seiten der APO auch kritische Stimmen laut, die den Biafra-Krieg, in post-kolonialer und anti-imperialistischer Sichtweise, als Krieg zwischen zwei oder mehr imperialen Interessensgebieten interpretieren. Und zuletzt findet sich in diesen Schriften auch eine beachtliche Menge von Verwirrung über die Verwendung von Begrifflichkeiten und über Schuldzuweisungen. Neben diesen durchaus kritikwürdigen Aspekten lässt sich anhand der Etablierung der Biafra-Komitees auch ein positiver Punkt feststellen: Die west-deutschen anti-imperialistischen Bewegungen verknüpften sich mit post-kolonialen Bewegungen der damaligen Dritten Welt und schärften so ihr Profil. Dies könnte in der Biafra-Tragödie eine versteckte positive Wirkung gewesen sein.