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02.05.2020 — Welt

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Aus der Welt gefallen 6.

Himmelfahrt Als es vor einer sehr langen Zeit nur ein paar Tausend Menschen auf dieser Welt gab, lebten Kirtin und Kefer. Sie waren kein Teil einer Gruppe, weil die Menschen noch nicht herausgefunden hatten, wie sie sich in größeren Familien ernähren sollten. Wenige male im Jahr trafen Einzelgänger oder Kleinfamilien an besonders fruchtbaren Stellen aufeinander. Dann wurde sich einige kurze Minuten mit den wenigen Worten ausgetauscht, die jeder kannte: Wasser, Tiere und Gefahr. Kirtin und Kefer waren aber bisher die einzigen beiden, die sich selber Namen gegeben hatten. Einmal waren sie an eine Stelle gekommen, die sie über viele Tage ernähren und Schutz bieten konnte. Also schlugen sie ein kleines Lager in einer Lichtung auf. Im Umkreis von zehn Minuten laufen fanden sie einen Bach, Bäume mit süßen und Bäume mit geschmacklosen Früchten, kleine Rehe, Laufvögel und viele Affen. Zwar waren die Tiere eher klein, nicht wie in der Steppe, aber so zahlreich, dass sie bestimmt 60 Tage nicht nach den bitteren Wurzeln buddeln mussten, die sonst ihr Überleben sicherten. Doch am Morgen des 20. Tages fanden sie auf einem Pfad, den sie mehrmals täglich zum Bach gingen ein totes Kind. Es lag mit dem Bauch und dem Gesicht am Boden. Sie fragten sich nicht, woher es gekommen sein mag, sondern hoben es auf. Kefer hatte schonmal einen lebendigen Säugling im Arm gehalten, Kirtin noch nicht. Sie inspizierten es ein wenig. Da waren die geschlossenen Augen, die Nase, der Mund und die Ohren, die sie auch von sich selbst kannten. Der Kopf schien gewaltig groß auf dem kleinen Körper und hing locker schlapp herunter. Sie konnten keine genaue Todesursache feststellen, kein Biss, aber am Hals hing etwas Blut und Fremdfleisch. Da Kefer und Kirtin von Geschlechtern nichts verstanden, kann ich auch heute nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Besonders Kefer war betroffen und entschied, das Kind woanders hinzulegen - auf dem Pfad konnte es schließlich nicht bleiben. Gleich neben dem Pfad wucherte ein trockenes Gebüsch. Also legten sie es vorsichtig in eine Lichtung, wenn man von sowas in einer Hecke überhaupt sprechen kann, und bedeckten es mit Blättern und Stöcken, sodass es aussah, als würde es schlafen. Sie gingen ihres Weges. Jedes mal, wenn sie an der Hecke vorbeiliefen gedachten sie dem Kind und mit jedem mal wurde ihr Herz schwerer. Am Morgen des 22. Tages war der Säugling nicht mehr an seiner Totenstätte. Kirtin und Kefer dachten sich, dass es bestimmt von einem Raubtier gefressen oder in sein Nest verschleppt worden war. Doch noch bevor sie sich mit dieser Erklärung zufriedenstellen konnten, sahen sie es wenige Schritte vor ihnen auf dem Pfad liegen - natürlich tot. Da das nun kein Zustand war, ging Kefer schnell hin und hob es auf, um es an seinen Platz zu legen. Doch inzwischen waren die heiße Sonne und viele Insekten an der Leiche gewesen und sie in Teilen zersetzt. Kefer erschrak sehr, da sich das Kind so anfühlte, als würden sich seine Innereien verselbständigen, und warf es ins Gebüsch. Unglücklicherweise blieb die Leiche im Geäst in einer für einen Toten höchst unwürdigen Position hängen. Kopfüber! In der Höhe jedenfalls, entschieden die beiden Menschen, würde sich kein Raubtier an das Kind kommen und die Angelegenheit sei erledigt. Auch die folgenden Male, die sie zum Wasser liefen guckten sie immer nach dem Kind. Zum schweren Herzen kam Bitterkeit und schlechtes Gewissen hinzu. Schließlich waren sie Schuld, dass das Kind nun entstellt mit blau angeschwollenem Kopf in einer Hecke hing. Aber sie trauten sich nicht, es von neuem zu bewegen. Umso erleichterter waren sie dann am Mittag des 23. Tages, als im Gebüsch kein schlechtes Gewissen mehr hing. Sie fanden das Kind nah an der Quelle auf der anderen Seite des Pfades und wunderten sich, was für Strecken so tote Menschlein zurücklegen konnten. Da sie sehr durstig waren, hatten sie keine Zeit, das Kind von neuem zu begutachten. Ihnen schien beim schnellen Vorbeigehen dieser Ort aber als keine schlechte Ruhestätte und das Kind sah wieder aus, als würde.