30.05.2020 — Welt
Aus der Welt gefallen 10.
Brandbrief 1978 Monika wurde vor 20 Jahren in Duisburg geboren. Damals war der Himmel noch trüber, heute hat sich die Glocke über dem Pott geöffnet und Monika studiert in Bonn Englisch auf Lehramt, aber nicht Hauptschule, dafür ist sie sich zu intellektuell. Sie gehört zu der Generation, die nicht mehr die Flower-Power als Mittel sehen, aber ihre Problemanalyse adaptiert haben. Letztes Jahr kam sie nach Bonn, kam in einen Frauen-Kreis und einen Arbeitskreis für Sozialismus. Ein paar ihrer Freunde kommen aus Bonn, der Rest aus der ganzen Republik. Ein guter Teil von ihnen studiert nicht nur nicht, sondern ist auch noch arbeitslos. Einer, Gunnar, ist Monikas Freund. Er sieht aus wie ein Student, liest die selben Bücher, geht in die selben Teestuben, teilt sich seinen Haushalt mit anderen Gleichgesinnten und schreibt für eine kleine linke Zeitung – genau wie Monika. Aber als sie ihren Eltern ihren neuen Freund vorstellte, hieß es gleich: „Ach, der ist doch bestimmt auch so ein RAF-Sympathisant (gesprochen „Raff“). Und, weißt du wo der Schleyer ist?“ „Der lungert doch den ganzen Tag nur herum.“ und so weiter. Monikas Freunde finden Gunnar dufte. Gut, manchmal fließt das Bier und der Wollpullover blieb den Winter über an. Außerdem konnte Gunnar noch immer nicht so richtig erklären, warum sein Chef ihn damals rausgeschmissen hat. Dafür nimmt er kein Heroin, wie Ronnie und schreibt gute Texte über Strauß für die „Flotte Lotte“. Er ist nicht so philosophisch wie Monika, kommt besser mit sich klar. Monika ist instabil. Ihre Eltern haben sie liberal erzogen, ihr beigebracht, wie sie die Welt um sie herum gestalten kann. Diese Vorstellung ist aber nicht auf die Welt übertragbar, in der sie jetzt lebt. Diese Welt ist fertig gebaut. Die Natur in ihrem ständigen Wandel erscheint nicht in Bonn und auch sonst nicht in der BRD. Also muss sie den Wandel selbst erzeugen, indem sie Zerstörung verursacht, woraus erst etwas selbst gestaltetes erwachsen kann. Die Polizei nennt das Vandalismus. Am liebsten vandaliert Monika in Schwimmbädern und Freizeitparks, denn diese seien „pervers“. Sie würden den Menschen Spielräume vorgaukeln, was sie betäube. Monika hat Marx gelesen, und Engels, und Bakunin, und Mao, will aber noch mehr wissen, daher lieber Soziologie studieren als Englisch, denkt, dass sie so mehr bewegen kann. Die RAF-Kommentare ihres Vaters konnte sie ja noch mit einem versteckten Schmunzeln hinnehmen, doch seine Reaktion auf ihren geplanten Studienwechsel gruben tiefere, recht unfruchtbare Furchen. Denn er musste die Illusion zum Platzen bringen, die Monikas Werdegang als Mensch, auch Pädagogik genannt, maßgeblich beeinflusst hatte. Monika erkannte das Missverhältnis zwischen ihrem Selbstbewusstsein und den Erfahrungen, die die Anwendung dieses Selbstbewusstseins erzeugten. Monika ist durch ihre Erziehung selbstständig und unabhängig, und genau das ist es jetzt, was Vater an ihr auszusetzen hat. Es ist der Kampf der Generationen zwischen mächtigen Älteren, die Finanzierung entziehen können, Hausarrest erteilen, Liebe verwehren, und den Jugendlichen, die bestehende Systeme, die ihre Eltern aufgebaut haben, umstürzen wollen. Sobald Monika mehr war, als eine beliebige weitere Jugendliche setzte die Kontroll- oder Anti-Pädagogik ein. Wie soll Monika auf die Widersprüche reagieren? Monika beruft sich auf Gleichaltrige, die ihr im Streit mit ihrem Vater recht geben, da sie die selbe Situation mit ihren Eltern durchleben. So entsteht ein Gebilde unter Jugendlichen, das stark wird und irgendwann selbst von jüngeren Generationen überholt werden wird – unter Empörung Monikas, die noch dazu gerade das Alter schwer zu spüren bekommt. Monika weiß das, will es nicht wahrhaben, schreibt ihrem Vater einen Brief: „Ich kann nicht atmen, also nimm' mich bitte ernst! Kuss, Monika“.