15.08.2020 — Welt
Nicht vergessen! (Bayern-Reise 9) Nürnberg war einmal eine der bedeutendsten Reichsstädte Deutschlands mit einer reichen, wechselvollen Geschichte mit einer Blüte um 1500. Handel und Handwerk machten die fränkische Stadt groß, im Dritten Reich wurde ihr noch mehr Bedeutung zuteil, was die kulturelle Identitätsfindung der Stadt nach Kriegsende nur noch erschwerte. Die Bedeutung Nürnbergs in der Renaissance wird trotz aller Brüche bis heute weitergetragen und macht einen prägenden Teil der Lebensqualität in der Innenstadt aus. Der Missbrauch durch die Nazis macht hingegen das Stigma aus, mit der Fremde die Stadt heute sehen. Die Bewältigung der jüngeren Vergangenheit ist in allen Nachkriegsjahren eine der wichtigsten Aufgaben des Kulturreferenten, so wichtig, dass eine eigene Politik begründet wurde, die Soziokultur-Politik. Sie bestand aus Transparenz, Durchleuchtung der Geschichte und die Umkehrung dunkler Vorzeichen in positive Fortschreibung. Denn die Aufarbeitung des Nazismus schien mit Ende der Nürnberger Prozesse 1946 für viele als abgeschlossen. Öffentlich geführte Diskurse trugen in den 1960er und 1970er dazu bei, dass die Nürnberger Bevölkerung, teils selbst von der Last des berechtigten Sitgmas gelähmt, ihr kommunales Gewissen in eine aus der Lehre aus dem Nazismus entstandenen zukunftsorientierten Richtung zu steuern. Soziologen, Psychologen, der Historiker Fritz Stern und auch der berühmte frankfurter Staatsanwalt Fritz Bauer wurden zu diesen Nürnberger Gesprächen eingeladen. Diese Symposien wurden fortgeführt und stehen für die Gesprächskultur der Stadt. Heute nennt sich Nürnberg in Opposition zu den Verbrechen des Dritten Reichs Stadt der Menschenrechte" und vergibt zweijährlich einen Menschenrechtspreis. Neben der Vergangenheit ist ihre Bevölkerung ein wichtiger Teil der Identitätsfindung einer Stadt. Nürnberg besteht nicht aus Bildungsbürgern, Studenten, Anwälten und Professorenen, sondern aus bodenständigeren arbeitenden Bürgern, ähnlich wie heute im Ruhrgebiet. Dementsprechend ist die Kulturlandschaft nicht von Experimenten und Avantgarde geprägt. Dass dabei Modernität tendenziell unter den Tisch fällt kann problematisch in der Identitätsfindung der Regionalmetropole werden. Auch von Internationalität kann in der Kunstszene kaum die Rede sein, Fremdes bleibt fremd, selbst im zeitgenössischen Bereich, wobei die Museumsszene und die Universität dagegen wirkt. Initiativen, wie die Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025 würden der Stadt wohl die Türen zur Welt weiter öffnen.