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06.09.2020 — Frankreich

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Nicht vergessen! (Bayern-Reise 22) Aichach zwischen Ingolstadt und Augsburg hat, wie viele Städte Mitteleuropas, eine interessante, bittere Geschichte aus den napoleonischen Kriegen zu erzählen. 1791 zogen hier zum ersten mal die österreichischen "Kriegsvölker" gegen das revolutionäre Frankreich durch, um den Absolutismus als Staatsystem zu retten. Auf die Revolutionskriege folgten bald die Napoleonischen Kriege und mit ihnen Söldnerheere, die umsorgt werden wollten. Jedes Rathaus hatte damals einen Quartiermeister, der Einquartierungszettel verteilte, um die Truppen auf Wirtshäuser und, je nach Steuerkraft, auf private Betten aufzuteilen. Aichach hatte damals 1500 Einwohner, war aber recht wohlhabend. Doch die teilweise 40.000 Soldaten in der Stadt stellten oft genug eine Überforderung dar. Das reichste Wirtshaus Aichachs, war das des Bräumeisters Lorenz Alois Gerhauser. Das Froschermeierbräu lag zentral am Marktplatz neben der Kirche und beherbergte die Offiziere und Generäle, die mit ihren Einquartierungszetteln freie Bahn erhofften. 1796 begann sich der Verdacht zu bestätigen, dass Gerhauser und auch sonst kein Wirt nie die Einquartierungszettel ausgezahlt bekommen würden: es waren Schecks ohne Gegenwert. Der Schadensersatz wurde von keiner Armee bezahlt, alle hauten vorher ab und auch Stadt und das Kurfürstentum Bayern waren pleite. Also begann Gerhauser, die kleinen Zettel zu sammeln, bis 20 Jahre später ein Teppich aus tausenden Zetteln entstanden war, 1m hoch und 15m lang. Mit dem Einzug der französischen Truppen begann das wahre Leiden der Betriebskasse: zeitweise 80-90 Gulden für Wein pro Tag (Jahreslohn eines Unteroffiziers), Ochsenfleisch, Braten, Plündereien, usw. 1802 beliefen sich Gerhausers Kosten der Einquartierung von 13.000 Männern und 11.000 Pferden auf 50.000 Gulden, ein Betrag mit dem man zu der Zeit in München in Bestlage 10 stattliche Häuser hätte kaufen können. Gleichzeitig gab Gerhauser viel Geld aus, um in den Stadtrat und schließlich zum Bürgermeister gewählt zu werden. Auch privat explodierten seine Kosten wegen Ausgaben für 3 Hochzeiten, 20 Kindstaufen und davon wieder 16 Begräbnisse. Als 1796 ein französischer General mit der Plünderung der Stadt drohte, zahlt Gerhauser 3000 Gulden Lösegeld, leider jedoch ohne eine Quittung zu verlangen. So ging Aichachs einst reichster Bürger bankrott, seine Schulden häuften sich. 1817 musste er Brauerei und Wirtshaus verkaufen und in ein Gartenhäuschen seines Vaters umziehen. Dort sortierte er seine berühmte 15m-lange Zettelwirtschaft. Erst 1836, nach wiederholter Bitte, zahlte ihm das Königreich Bayern eine einmalige Entschädigungssumme von 200 Gulden. Depressionen setzten spätestens 1834, wahrscheinlich schon viel früher, ein, als er schreibt: "Doch der liebe Gott sah den mir vorgesetzten Leidensbecher noch nicht geleert und reichte mir, selben weiterszutrinken". Erst 1837 erlöste der Tod den 69-jährigen von seinen Seelenqualen. Es gibt kein Happyend. Der Zettelteppich ist uns als einmaliges Dokument erhalten geblieben und hängt heute im aichacher Stadtmuseum.