06.06.2020 — Welt / Deutschland / Ungarn
Aus der Welt gefallen 11.
Held "Ach, ich wusste gar nicht, dass es das noch gibt" hatten sie gesagt, "Meine Schwiegermutter hat es auch überlebt, und die hatte damals Gürtelrose. Wird schon nicht so schlimm sein", hatten sie versprochen. Manche hatten mich verflucht, weil sie Angst hatten, dass ich sie angesteckt hätte. Aber die hätten mich auch ohne Infektionsrisiko nie besucht. Seit Wochen habe ich keine vertrauten Gesichter gesehen, außer dem leitenden Artzt und zwei Krankenschwestern, dem Blumenstrauß im weißen Rahmen auf der weißen Wand, die leere Vase auf der Fensterbank. Es ist eine Einzelhaft als der letzte aktive Covid19-Fall Rumäniens, gefangen in der akademischen Klinik Bukarest, Intensivstation, dauerhafte Beatmung. Jeden Mittag ruft Mama an, Abends dann Valea, manchmal Doris, selten Sorin, Maria nie. Am Anfang war ein Journalist da, wollte wissen, wo ich mich infiziert habe. "Deutschland", hatte ich gesagt "Rastplatz, bestimmt, oder Ungarn, auf der Toilette." Wie es mir ginge hatte ich dann auch geantwortet, aber berichtet wurde dann nur mit meinem Namen und meinem Gesicht und dazu eine Warnung, wie bei einem gesuchten Schwerverbrecher. Eine Rückmeldung gab es keine, nicht mal als sich mein Zustand vor drei Wochen verschlimmerte. Damals bekam ich nur ein Kondolenz-Schreiben vom Fernsehsender und Werbung für Matratzen. Sonst bleibt es still, der Fernseher zeigt die Fußballspiele von der WM nicht. Ob es 2020 für die Intensiv-Patienten auch so gewesen ist? Damals, als die Armee die Kontrolle über die vier großen Krankenhäuser in Bukarest und noch über eines in Iaşi übernahm, hieß es im Fernseher und im Internet, dass die Welt nun in der Pandemie versinken würde. Glaubt ja nicht, dass die letzte große Katastrophe irgendwie interessant sein würde! Das war eine Aufregung damals. Ich konnte monatelang nicht arbeiten, weil die Polizei stärker kontrollierte, Mama nicht sehen, einkaufen ging nur mit diesen Masken, die jetzt überall in der Stadt herumfliegen. Sorin war damals Alkoholiker geworden "aus Langeweile", wie er sagte. Seiner Freundin war es im Winter davor sehr schlecht gegangen und hatte ihn verlassen. Als sie dann am Virus starb, konnte er sich wegsaufen. Ich trinke ja auch mal gerne einen, aber mein Job am Steuer verbietet es mir, eigentlich. Ich liege noch immer im Bett, schau aus dem Fenster auf eine schwarzgraue Fassade, auf der gegenüberliegenden Seite. Ich hatte mir Archive immer staubig im Keller vorgestellt, aber dieses hier ist steril, im 1.OG. Abgespeichert bin ich, mein Überleben so halb sicher, ziemlich sicher, abgestellt. So muss sich die kleinste Pyramide von Gizeh fühlen, oder der Ewige auf der Ersatzbank, auch im Finale. Ich wäre inzwischen sogar froh, wenn ab und zu mal gelangweilte Touristen oder freche Kinder kleine Steinchen an mein Fenster schmeißen würden. Ich bin einfach nicht herrschaftlich genug bekleidet mit meinem blauen Papiermantel, etwas ranzig und unrasiert. Es wird schon noch etwas dabei für mich rausspringen, die Mühe, der Schmerz wird schon nicht wirkungslos vergehen. Vielleicht werde ich doch als der letzte Corona-Patient Rumäniens in die Geschichtsbücher eingehen, als Veteran. Als Andenken werde ich das Blumenbild im weißen Rahmen nach Hause mitnehmen, und eines Tages, wenn mich meine Enkel fragen werden, was das für ein Bild ist, werde ich ihnen meine Geschichte erzählen, diesen meinen Höhepunkt meines Lebens, als ganz Rumänien mich in den Abendnachrichten sah und vor mir gewarnt wurde. Dann werde ich ihnen erzählen, wie es ist, einen Kampf gegen das böse Virus... und wie glorreich... als Veteran der Geschichte... Diese gottlose Langeweile macht mich kirre! Hihi.