07.08.2020 — Europa / Welt / Schweden
Nicht vergessen! (Bayern-Reise 1) Die Geschichte der Würzburger Universitätsbibliothek im unterfränkischen Teil Bayerns ist von drei geopolitischen Einschnitten geprägt, wie bei einigen vergleichbaren Institutionen in Europa und der Welt. Ihr Zentralbau von 1982 befindet sich auf dem Unicampus hoch über der Stadt. 17 Teilfakultäten haben in der Altstadt ihre eigenen Bibliotheken, in Teilen in den alten Universitätsgebäuden. Ihre erste zentrale Büchersammlung bekam die 1582 gegründete Universität erst 1617. Die Einrichtung bestand zunächst aus 13 Bücherkisten mit 5000 Bänden, 3 langen Tischen, Pulten, Stühle und 2 Leitern. Die ersten Bücher stammten aus dem Nachlass von Gelehrten aus Eichstätt und Augsburg und umfassten Geschichte, Theologie und Kirchenrecht. Es handelte sich allerdings um keine Bibliothek für Studenten, sondern für Professoren, die in den Vorlesungen aus den Büchern vorlasen und kommentierten. Heute müssen die Studenten nicht mehr abschreiben, sondern dürfen sich tagtäglich in die Schlange stellen, um in überfüllten Lesesälen zu lernen, die Ausleihfrequenzen wachsen. 1631 war es in den Sälen leer, als der Dreißigjährige Krieg nach Würzburg kam. Es war leer von Menschen, aber auch von Büchern, die von den Schweden als Kriegsbeute gestohlen wurden. 400 Jahre später finden sich diese Bücher noch in Uppsala, Oxford und Cambridge. Inzwischen ist die UB wieder auf 3,5 Millionen Medien angewachsen - es wird eng. Zehntausende Bücher kamen zu Beginn den 19. Jahrhunderts hinzu, als der Kirchenbesitz in Bayern verstaatlicht wurde. Die Bibliothek bekam damals zum ersten Mal einen staatlichen Sammelauftrag, einen Kulturauftrag, da sie das Erbe einer Jahrtausenden alter Buchkultur wurde. Damals wird das erste Regelwerk für den studentische Entleih vom ersten hauptberuflichen Universitätsbibliothekar Deutschlands Ruhland entworfen. 1945 fielen Brandbomben auf die Residenzstadt und 80% der Bücher ihnen zum Opfer. Sie ist nach dem Krieg die am schlechtesten aufgestellte UB Deutschlands. Das war der zweite tiefe Einschnitt der UB seit der Schwedenplünderung. Der dritte tiefe Einschnitt ist im Kontrast zu den ersten beiden die digitale Verfügbarkeit der Bücherschätze, die im Digitalisierungszentrum entsteht. Abgeschottet vom Tageslicht machen Medientechniker Seite für Seite die Bücher zur öffentlichen Sache. Nach 400 Jahren analoger Medienpolitik wird die UB von der Stadtpolitik hoch gelobt für ihre Initiative, doch zusätzliches Geld fließt dafür nicht. So kommt es, dass die Digitalisierung nur sehr schleppend vorankommt. Neben dieser finanziellen Herausforderung stehen auch noch die Sanierung der Zentralbibliothek, die Pflege der analogen Sammlung und neues geschultes Personal im Raum. Der Etat der UB stagniert seit über 10 Jahren, während die Preise steigen und der Wechsel vom Analogen zum Digitalen eines der teuersten Unterfangen der UB ist. Erstmals kann die Universität nicht auf private Spenden von Bürgern der Stadt zurückgreifen, wie zu den letzten Einschnitten, sondern muss sich für die verkaufen, wodurch sie leider Unabhängigkeit verliert. Die Studenten in den überfüllten Lesesälen würden es der Politik danken, wenn die Digitalisierung des Bestandes ihre Lernsituation entlasten würde.