09.07.2020 — Island
Nicht vergessen! In einem der vielen Fjorde Grönlands wurde in den 1120er Jahren die St. Nikolaus Kathedrale von Garðar als Bischofssitz errichtet. Mit 27 metern länge war sie die größte Kirche Grönlands, und mit 60 metern länge beherbergte der Bischofssitz den größten Stall der skandinavischen „Wikinger“-Kolonie. Gegründet wurden die grönländischen Kolonien 984 n.Chr. von Erik dem Roten und im 15. Jahrhundert, nach fast 500 Jahren starben sie aus. Gründe für das Aussterben waren Abkühlung des Klimas, selbstgemachte Umweltschäden (Entwaldung, Bodenerosion), Kämpfe mit den Inuit, Abschottung vom europäischen Festland und hoffnungsloser Konservatismus (Fisch-Tabu, Luxusgüter). In Jared Diamonds „Kollaps“ wird das ausgeführt. Etwa 1% der Fläche Grönlands ist bewirtschaftbar, das meiste davon als Weideland für Schafe, Kühe, Ziegen und Schweine. Die skandinavischen Grönländer ernährten sich daher nicht von Brot und Brei, sondern überwiegend von ihren Nutztieren und der Jagd. Fischerei fand aus unerklärlichen Gründen kaum statt, wohl aber weil die Fischerei der Inuit als minderwertig angesehen wurde. Schweine, Geflügel und Pferde starben bald aus, die menschlichen Bewohner wurden dementsprechend mager – auch wegen des Tabus, zu fischen. Der Luxus, Milchkühe zu halten wurde nicht aufgegeben, und so gab es Bauernhöfe mit nur einer aufwendig am Leben gehaltenen Kuh. Eine Klimaänderung hatte Einfluss auf die Heuproduktion für die Nutztiere und auf die Jagd. Die Kathedrale von Garðar und ihre angeschlossenen Bauernhöfe hatte den besten Weideplatz Grönlands. Doch die Stelle wurde überweidet, wodurch es zu Bodenerosion kam. Die ungerechte und lebensgefährliche Reichtumsverteilung führte dazu, dass der Bischof von Garðar sich zu 75% von landlebenden Tieren und Importen ernährte und der durchschnittliche Bauer um die 70-80% von Meeressäugern leben musste. Die Kathedrale wurde errichtet, weil Leif Eriksson die christliche Identität Grönland beschert hatte. Doch die Peripherie missverstand Größenordnungen und baute einen Dom, der größer war, als die beiden Kathedralen von Island, das 10 mal mehr Einwohner hatte. Unmengen des raren Holzes müssen dafür verwendet worden sein. Auch der Import von Sakralgegenständen und Messwein muss extrem teuer gewesen sein. Als vom Vatikan anerkannter Bischofssitz musste Garðar zudem jährlich Abgaben zahlen, um die Kreuzzüge in den Nahen Osten zu finanzieren. Garðar entwickelte sich durch die Autorität der Kirche zum Handelszentrum Grönlands, und somit zum Machtmittelpunkt. Als Teil der hierarchische Gesellschaft hinterfragten die Grönländer nicht, dass viele überlebensnotwendige Ressourcen gegen überlebensunnütze Gegenstände getauscht, oder Tote in hölzernen Särgen bestattet wurden. Der Nachfolger des 1378 verstorbenen Bischofs von Grönland weigerte sich, in die unwirtliche Polarregion zu ziehen, verlangte aber trotzdem den Kirchenzehnt. Ein Bericht von 1408 ist der letzte schriftliche Beleg von der Existenz von skandinavischen Grönländern.