09.08.2020 — Niederlande
Nicht vergessen! (Bayern-Reise 3) Die Stadtwälder in Franken unterscheiden sich grundlegend von denen in der Kernregion Bayerns, also der südlichen Hälfte des Bundeslandes. Ihre Geschichten beginnen jedoch gleich. Von der Frühgeschichte bis ins Frühmittelalter war der wilde Wald gefährlich und daher von wenig Interesse, außer für das Sammeln wichtiger Güter und das Weidenlassen der Nutztiere. Diese Nutzung war so bedeutend, dass man in der karolingischen Zeit um 800 einen Wald nicht nach der Menge an Holz bemaß, sondern nach der Anzahl der Schweine, die man darin weiden lassen konnte. Vom Jahr 1000 bis 1200 wuchs die Bevölkerung in Zentraleuropa von 10 Personen pro Quadratkilometer auf 50 bis 60. Holz war damals der einzige Energielieferant und fast der einzige Baustoff für die wachsenden Städte und Dörfer. Im Mittelalter gehörte der eigene Wald als Bau- und Brennholzreserve zu jeder aufstrebenden Stadt mit ihren differenzierten Handwerkszweigen, wie Schreinerei, Zimmerei, Drechslerei, Schachtelmacherei und Schindlerei dazu. Auch die Industrie und das Gewerbe in den Städten war auf die Energie des Holzes angewiesen: Würste sieden, Eisen schmieden, Kalk brennen, Erze schmelzen oder Glas verhütten. Auch geopolitisch war die deutsche Holzwirtschaft von großer Bedeutung. Über die vielen großen Flüsse wurde das Holz als Flöße etwa nach Wien transportiert, oder in die Niederlande, wo aus ihm die Flotte gebaut und auf dessen Pfählen Amsterdam errichtet wurde. Alle deutsche Fürsten und alle deutsche Bischöfe profitierten vom Holzhandel. Im Lauf des Mittelalters ab dem 13. Jahrhundert bekamen diese Obrigkeiten immer mehr Konkurrenz aus dem städtischen Bürgertum, das immer selbstständiger wurde. Meistens folgte auf die Stadtgründung die Gründung des Stadtwalds. Besonders betriebsame Stadträte sichern sich sogar Wälder in weit entfernten Gebieten. Augsburg etwa erwirbt das Rodungsrecht für riesige Gebiete in den Tiroler Alpen 130km von der Stadt entfernt. Doch nicht jede Stadt konnte den Kampf um die Ressource Wald gegen ihre Obrigkeit gewinnen, meistens waren dies Reichsstädte, die nicht der Hoheit eines Bischofs unterstanden. Doch die Territorien waren im Mittelalter längst nicht so exklusiv, wie heute. Es war üblich, dass ein Waldstück zeitgleich von mehreren Parteien genutzt wurde. So hatte etwa der Burggraf von Nürnberg zeitweise das Recht auf jeden dritten Baum aus dem Lorenzer Wald vor der Stadt. Im Rest des heutigen Bayerns verhielt sich die Sache so: der Obrigkeit gehören die großen, dicken Bäume, dem einfachen Volk die kleinen, dünnen. Das Ergebnis ist ein ökologisch, weil biodivers wertvoller Mittelwald. Im Unterfränkischen wachsen solche Wälder bis heute. In Iphofen etwa gelten noch die selben Regeln von 1583, die dem Forstamt die Rodung der hohen Bäume reserviert und die Bürger an das Unterholz lässt, insofern sie als Gegenzug die Dornen aus ihm entfernen. Für das Holzschlagen für den privaten Ofen müssen die Iphofener zwar heutzutage 20€ Verwaltungsgebühren bezahlen, aber das Holz selbst kostet nichts.