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10.05.2020 — Welt

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Aus der Welt gefallen 7.

Noch eine Himmelfahrt In der Nacht zum Donnerstag starb der Maulwurf. Am Donnerstag Morgen fand ich ihn auf dem Feldweg, den ich mehrmals täglich passiere, und tatsächlich war er noch immer tot. Uns Menschen ist es eben nicht oft vergönnt, einen lebendigen Maulwurf zu sehen. Da ich diesen Feldweg für keine gute letzte Ruhestätte hielt und in einigen Metern Entfernung hinter mir ein Kind mit seiner Mutter ging, wollte ich ihn so schnell wie möglich in die Hecke neben mir legen. Also nahm ich zwei Blätter und ein Stöckchen und hob diesen Maulwurf auf. Weil ich nicht so oft die Möglichkeit dazu habe, inspizierte ich ihn etwas genauer. Als Todesursache ließ sich ein Biss feststellen, vielleicht von einer Katze, die das tote Tier dann verschmäht hat. Es war jedenfalls nicht entstellt und das einzige Blut klebte an seiner Schnauze. Sonst sah das Fell noch frisch und weich aus, so wie man es sich bei Bewohnern des feuchten Erdbodens eigentlich nicht vorstellt. Die Grabwerkzeuge waren recht eindrücklich und die Zähne schienen perfekt zum Insektenfresser zu passen. Ich wollte ihn schon nach Hause mitnehmen, um ihn dort zu sezieren und das Skelett zu konservieren, aber das hätte wohl Ärger mit meinen Mitbewohnern gebracht. Also legte ich ihn vorsichtig in eine Lichtung, wenn man von sowas in einer Hecke denn überhaupt sprechen kann, und ging meines Weges. Am Samstag Morgen war der Maulwurf nicht mehr an seiner Totenstätte. Schnell dachte ich mir, er sei jetzt bestimmt von einem Raubtier gefressen worden, doch noch bevor ich mich mit dieser Erklärung zufriedenstellen konnte, sah ich ihn einen Schritt vor mir, wieder auf dem Feldweg - tot. Da das nun kein Zustand war, schnappte ich mir wieder zwei Blätter und ein Stöckchen, um ihn zurück in die Hecke zu befördern. Nun hatte es seit Donnerstag also zwei ziemlich warme Tage gegeben, die die Kompostierung des Tieres sicherlich vorantrieben. Und so war ich relativ erschrocken, als ich das schon etwas zerzaustere Tierchen hochhob und es sich anfühlte, als seien seine Innereien dabei, sich selbstständig zu machen. Für den Maulwurf etwas unvermittelt warf ich ihn also ins Gebüsch. Unglücklicherweise blieb der flexible Leichnam in einer für einen Toten sehr unwürdigen Position hängen! Kopfüber. Gut, so in der Höhe jedenfalls würde sicher keine Katze und auch kein Hermelin an den Maulwurf kommen und die Angelegenheit sei erledigt. Die kommenden Male, als ich an dem Gebüsch entlanglief schaute ich immer nach dem Tier und zeigte es auch Anderen. Denn so einen hängenden Maulwurf sieht man ja nicht alle Tage. Sonntag war sonnig und heiß und ich war wohl etwas zu lang draußen. Als ich nämlich am heutigen Montag wieder an der Hecke entlanglief, war der Maulwurf erneut fort. Als ich ihn 20 Meter weiter im Feld liegend fand, war ich doch erstaunt, was für Strecken tote Maulwürfe zurücklegen könnten. Aber ich war etwas in Eile und entschied mich, auf dem Rückweg die Situation neueinzuschätzen. Mir schien das Feld jedoch schon am Morgen keine schlechte letzte Ruhestätte zu sein. Auf dem Rückweg bestätigte sich dieser Eindruck. Am Feldrand wuchsen schöne blaue Stiefmütterchen, deren Blüten am Morgen noch verschlossen waren, also eine hübsche Gegend zum tot sein. Neben all den herzlichen Dingen, die man sich auf einem Friedhof wünscht, fehlte jedoch das wichtigste: die Leiche. Ungläubig lief ich drei mal auf und ab, bis ich entschied, dass ich die Sache ruhen lassen sollte und der Maulwurf nun endgültig von der Wildnis verschluckt sei. Und jetzt stehe ich hier, vor der Hecke und wer hängt da langgestreckt durch die Kraft der Erdanziehung und der Sonne? Der Maulwurf! Bin ich etwa Opfer einer Illusion geworden? Kann das ein Sonnenstich von gestern gewesen sein? Oder will mich da jemand reinlegen? Vielleicht der Herr Nachbar, der mich sowieso nicht mag, aber weiß, dass ich diesen Weg immer gehe. Aber würde der sowas tun? Nein, ich glaube, der Maulwurf selber hat mir den Streich gespielt. Amüsiert darüber, wie aufgewühlt ich von seinem Ableben bin, wird er sich sicher gedacht haben.