12.08.2020
Nicht vergessen! (Bayern-Reise 6) Die Bewohner des Dorfs Ermershausen weit nördlich von Erlangen gelten seit 40 Jahren als Rebellen. Heute ist Ermershausen die kleinste eigenständige Gemeinde Unterfrankens und genau darum ging es auch während der Rebellion. Am 18. Mai 1978 herrschte große Aufregung in dem Dorf an der Grenze zur DDR: Die Gebietsreform in Bayern hatte zur Eingemeindung in die Nachbarstadt Maroldsweisach geführt. Doch der ehemalige Bürger- und Metzgermeister Höhn weigerte sich, die Gemeindeakten herauszugeben. Zuerst bewachten die Kinder das Rathaus, dann übernahm eine willige Bürgerwache, während die Behörden abzuwarten schienen. Gegen Abend sammelte sich in Maroldsweisach eine Polizeistreife mit der nächsten, bis sie schließlich in einer Wagenkolonne am Morgen des 19. Mai nach Ermershausen fuhren. Mehrere Hundertschaften machten sich von den gesperrten Zufahrtsstraßen aus auf dem Weg zum Marktplatz. Zahlreiche der 600 Bürger halten die Polizisten sogar für einfallende DDR-Truppen. Mit Gewalt gegen den passiven Widerstand bahnen sich die 1840 Polizisten den Weg. Als die Presse eintrifft, sind beide Seiten extrem angespannt. Die versammelten Bürger blockieren weiterhin den Zugang zum Rathaus, klagen den faschistoiden Polizeistaat an, fordern ihre Menschenrechte ein, rufen den Bürgerkrieg aus. 50 Ermershäuser machten sich aus Protest gegen den Überfall auf dem Weg zur Mauer um dort Asyl zu beantragen, bis sie 30m vor der Grenze vom Bürgermeister Höhn aufgehalten wurden. Die Nacht des Polizeiüberfalls war der Startpunkt für 15 Jahre Widerstand. Im bayerischen Landtag musste sich später der zuständige Innenminister Seidl rechtfertigen und malte dabei das Bild eines bedrohlichen Unrechts-Staates in Ermershausen, einer zweiten DDR. Seine Rede wurde unter Gelächter der Abgeordneten zur Kenntnis genommen. Die einzige Konsequenz der Aktion war die Eingemeindung Ermershausens und die Umbenennung seines Marktplatzes in "Platz des Polizeiüberfalls". Jedes Jahr wurde im Dorf in der Nacht zum 19. Mai der Rebellion gedacht, so auch 1980, als Höhn dem Staat seine Rechtlichkeit und sein Republik absprach. Damals ertönt zum ersten Mal die "Freiheitsglocke" die für Selbstbestimmung klingt. Als 1982 der BR Interviews in Maroldsweisach und Ermershausen führen will, nennt ein Reporter die Bewohner von Maroldsweisach "Ratten", die erst nach Abfahrt des Übertragungswagens "aus ihren Löchern kriechen" würden. Dieser Kommentar fiel während einer Live-Schalte und sofort wurde der Wagen von wütenden Bürgern umstellt. Von da an boykottieren die Ermershäuser alle Wahlen und schicken ihre Wahlzettel mit Luftballons in die DDR. 1989 befasste sich der bayerische Landtag nocheinmal mit Ermershausen und lehnt eine Ausgemeindung ab. Stattdessen gründete sich zur Kommunalwahl 1990 mit Unterstützung von Kreispolitikern der CSU ein CSU-Ortsverband mit 278 Mitgliedern, der mit einem Schlag der größte im Landkreis war. Selbst Bayern-Innenminister Stoiber gesteht Fehler ein und initiierte als letzte Amtshandlung ein Spezial-Gesetz zur Unabhängigkeit von Ermershausen. Im Herbst 1993 wurde nach 15 Jahren die "letzte Kolonie Europas" unter Freudentränen wieder selbstständig. Höhn (gestorben 2016) wurde erneut Bürgermeister von Ermershausen. Noch heute wird der Freiheitsglocke gedacht. (TV-Dokumentation: https://m.youtube.com/watch?v=J7ANLJ0OO8o).
Quellen
- M · Youtubem.youtube.comhttps://m.youtube.com/watch?v=J7ANLJ0OO8o