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12.11.2020 — Indien / Europa / Ungarn

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Protofaschismus in Indien Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs gab es nicht nur in Europa faschistische Strömungen, sondern auch darüber hinaus. Die meisten davon sind nicht in einem faschistischen Regime gemündet, sondern entweder verlaufen, abgeschwächt an die Macht gekommen, oder zu schwach geblieben, um einen Nationalstaat tatsächlich zu ergreifen. Diese verschiedenen Status Quo kann man als „Protofaschismus“ zusammenfassen, also dem Zustand eines (noch) nicht vollständig entfalteten Faschismus. Da die Definition des Faschismus eher einer Mischung unterschiedlichster Symptome in Gesellschaft, Umgang mit Minderheiten, Staatsgewalt, Außenpolitik und Bürgerrechten ist, ist es ziemlich leicht, in den meisten Gesellschaften protofaschistische Tendenzen zu erkennen. Dieser Begriff kann daher sehr leicht zur Diskreditierung politischer Gegner oder aus Unwissenheit genutzt werden. Wenn wir dieses Wort, und synonym auch „faschistoid“ in einem Gespräch hören oder irgendwo lesen, sollten wir vorsichtig sein, Kurzschlüsse zu ziehen (Vergleiche Ausdruck „Auschwitz als Waffe“). Ich werde nun ein weiteres Beispiel heranziehen, in dem Akteuren Faschismus und faschistoide Tendenzen vorgeworfen werden. Natürlich gibt es in der Geschichte noch ganz viele weitere spannende Beispiele: die ukrainische Maidan-Bewegung, die 1968er-Bewegung, Orbáns Ungarn, Bolsonaros Brasilien, Kabilas Kongo und Netanjahus Israel.

Indiens Hindutva Der seit 2014 regierenden rechts-konservativen Bharatiya Janata Party in Indien unter Premierminister Narendra Modi wird in Hinsicht auf die Situation der Muslime im Land immer wieder Faschismus vorgeworfen. In dem 1,4-Milliarden-Einwohner starken Indien machen die 176 Millionen Moslems mit 14% nur eine Minderheit aus, die seit 1300 Jahren im Clynch mit der hinduistischen Mehrheit steht. Seit dem Amtsantritt Modis 2014 war Indien immer wieder Zeuge von Lynchmorden an Muslimen, Zerstörung islamischen Kulturguts und der Entislamisierung von z.B. Städtenamen oder der Entweihung von Moscheen. Vorangetrieben wird dies vom Hindu-Nationalismus. Der Hindu-Nationalismus in Indien, dort als Hindutva bezeichnet, stellt sich in eine lange Tradition hinduistischer Herrschaft über das Land. Mehr als eine Religion betrachtet Hindutva den Hinduismus als einen „Way of Life“, der allen anderen Ideologien und Religionen der Menschheitsgeschichte überlegen ist, da er seit 10.000 Jahren besteht. So beschreibt ihn der indische Premierminister Modi und führt weiter aus: „Hindutva [...] advises individuals not to be a burden on society […]. It is not rigid. It is liberal, able to adjust.” (Randeri, Kalindi -- The man of the moment: Narendra Modi -- New Delhi: Times, 2013 -- ISBN 978-93-259-6838-7. -- S. 178). Die absolute Daseinsberechtigung des Hindutva ist also: Schon immer dagewesen, und modern. Hindutva schürt einen hinduistisch basierten Nationalismus, der angeblich jeden Hindu einschließt und glaubt nicht an das Kastensystem, das zu sozialer Ungleichheit führt. Tatsächlich gibt es die Hindutva-Bewegung erst seit 1923, als Reaktion auf die säkulare Bewegung um Mahatma Gandhi, und die lange mystische hinduistische Tradition, auf die Modi und seine Partei BJP sich beziehen ist keineswegs kontingent. 1925 organisierten sich die Hindutva-AnhängerInnen in der offen faschistischen Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS), der 1959 im Alter von neun Jahren auch der aktuelle Premierminister Modi beitrat. Dort begab er sich für die nächsten zwei Jahrzehnte unter die Fittiche seines Mentors Inamdar, dessen bisheriges Leben seinen Höhepunkt in einer Revolte gegen einen muslimischen Fürsten in Hyderabad gefunden hatte. Inamdars Verständnis von den Beziehungen zwischen Hindus und Moslems in Indien ist heute durch das staatstragende Amt seines Schülers maßgeblich in Politik umgesetzt. In der RSS wird dem jungen Mann Modi empfohlen, Politikwissenschaften zu studieren und Politiker zu werden, anstatt als Mönch weiteren Schülern das Meditieren beizubringen.

Quellen

  1. Blaetterwww.blaetter.de
    https://www.blaetter.de/ausgabe/2014/oktober/auschwitz-als-waffe
  2. Thewire · Inthewire.in
    https://thewire.in/politics/benjamin-zachariah-fascism-sangh-parivar
  3. Firstpostwww.firstpost.com
    https://www.firstpost.com/politics/modis-mentors-inamdar-who-shaped-his-ideas-of-hindu-muslim-relations-1400877.html