18.04.2020 — Welt / Ägypten
Aus der Welt gefallen 4.
Jesus von Masada Nur Anekdotenweise ist uns das Leben des Jesus Christus und seinen Jüngern in immer anderer Form überliefert. Als die Alte Kirche zu Lebzeiten Jesu und in den Jahrzehnten danach sich im römischen Reich zu etablieren begann, entstand eine Dynamik, durch die sich das Christentum rasch wandelte. Hatte es zum Beispiel in den vier Evangelien des Neuen Testaments noch den Gott der Juden neben der Dreifaltigkeit gegeben, so gesellten sich bald griechische, bald römische Gottheiten als Vertreter des Herrn zu ihm. Auch die Ablehnung der Dreifaltigkeit als zu polytheistisch machte seine Runden und man bestand auf der Singularität göttlicher Wesen, lehnte also Halbgott Jesus ab. Neben Ergänzungen und Neuinterpretationen der im 1. und 2. Jahrhundert stark umkämpften Bibel, entstanden auch mehrere Gegenbibeln. Das Judasevangelium etwa hebt das Tor aus den Angeln, das das Schlechte, personifiziert durch Judas Iskariot, von dem Guten, Jesus Christus und den elf Jüngern, trennt. Hier ein Ausschnitt aus der Textstelle, in der Jesus auf Judas in der Bergfestung Masada trifft. Die Übersetzung wurde erst 2001 nach der Entdeckung des Schriftstückes in einem koptischen Kloster in Ägypten und ohne religiös-belehrenden Anspruch verfasst. Die verlorenen Wörter sind durch ein [...] gekennzeichnet:
"Als aber Jesus durch seine Geburtsstadt Nazareth kam, erschien ihm nichts vertraut. Die Römer hatten die Stadt aus Rache zerstört, da Sikarier [Jüdische Unabhängigkeitsbewegung] in der nahen Felsenburg Masada waren. Ein altes Weib kam zu ihm. 'Herr, sieh dir an, was die Römer uns getan haben. Sieh dir an, was die Antwort der Sikarier war.' Die Sikarier hatten die Schalen [?] jener gebrochen, die von den Römern verschont waren. [...] stiegen auf [...] und die Sikarier erkannten in Jesus Christus den Messias und sie schworen von jeder Rache zu lassen und die Bote ihres neuen Herrn zu verbreiten. Ihr Anführer war Judas Iskariot, wie es zuvor Simon war. 'Herr, du sprichst Wahres über mein Haupt. Doch sage mir, wie ich meinen Kindern sagen soll, dass ihre Mutter von den Römern getötet und sie nun allein seien.' 'Sei du selbst ihnen die Liebe des Vaters, die ihnen durch ihre Mutter zustünde.' 'Herr, ich höre deine Worte, doch ich kann nicht ablassen von der Rache. Deine Worte nennen mich das Böse.' Da erkannte Jesus, dass auch Judas ein Sohn Gottes war, wie er selbst und antwortete 'Du sollst dich den meinen anschließen. Du wirst sie alle übertreffen. Denn du wirst den Menschen opfern, der mich kleidet.'"
Dem zufolge war Judas Iskariot also der beste Freund Jesu und er erkannte bereits bei ihrem ersten Zusammentreffen in Judas den Mann, der ihn schließlich an die Römer verraten sollte. Der Verrat sollte notwendig sein, damit Jesus sich von seinem menschlichen Körper trennen und in den Himmel aufsteigen konnte. Letztlich war Judas es, der die Passion Christi in Gang setzte und sein Wort im ganzen Römischen Reich verbreitete. Laut einer These des Münchner Koptologen Friedhelm Schuh war diese historisch nachvollziehbare Begegnung Jesu mit Judas ausschlaggebend, dass er keine Wunder mehr vollbrachte. Demnach hatte Jesus nun den Rückhalt der jüdischen Unabhängigkeitsbewegung und damit genug politische Macht, sich den Menschen als Sohn Gottes zu offenbaren.