18.04.2022 — Schweiz
Die Belagerung Biafras hatte somit beträchtliche Lücken. Die Versorgung des belagerten Biafras mit überlebenswichtigen Gütern bringt den humanitären Institutionen bis heute die Kritik ein, den Biafra-Krieg künstlich verlängert zu haben, da der Leidensdruck der Bevölkerung nicht groß genug gewesen sei, um zu kapitulieren und so den Krieg zu beenden. DER SPIEGEL erhob diesen Vorwurf seit Kriegsende im Januar 1970. Jürgen Lieser von der Caritas entgegnete in seinem 50 Jahres Rückblick auf den Biafra-Krieg, dass die Hilfslieferungen den Krieg nicht verlängert, sondern seine Intensität vermindert und ein Massensterben verhindert hätten. Gleichzeitig erklärt er die Frage für nicht abschließend beantwortbar. Bezüglich eines angeblich verhinderten Massensterbens sprechen geschätzte Zahlen von zwei Millionen verhungerten Biafranern eine andere Sprache. Vermutlich haben jedoch beide Seiten recht: Die Hilfslieferungen verminderten das Leid in seiner Intensität und verlängerten es gleichzeitig. Eine Bewertung dieses Dilemmas obliegt der eigenen Moral. Dieses riesige moralische Dilemma ist auch heute noch in jeder Ebene der Entwicklungshilfe brandaktuell. Es muss von der Politik umgangen werden, da es nicht ihre Aufgabe ist, moralisch gute, sondern politisch kluge Entscheidungen zu treffen. Moralisches Handeln ist eine private Angelegenheit, die nur selten von Institutionen glaubhaft vertreten wird. Die Moral hinter den Hilfslieferungen kirchlicher Institutionen ist ebenso unklar, wie die berühmte Stelle im neuen Testament, in der der römische Soldat Stephaton dem gekreuzigten Jesus Christus einen Schwamm mit Flüssigkeit reicht, nachdem Jesus darum gebeten hatte (Johannes 19:28-30). Diese an sich barmherzige Tat birgt, je nach Evangelium, mehrere unterschiedliche Konnotationen. Bei Lukas wird Jesus Essig gereicht und dabei hämisch verlacht (Lukas 23:36-37), während bei Johannes und den anderen Evangelien nur von Essig die Rede ist und nicht von Häme. Dies könnte sowohl als Wohltat, als auch als Bösartigkeit interpretiert werden, da es trinkbares Essig gewesen sein könnte – im antiken Vorderasien denkbar. Noch dazu könnte es sich bei dem „Essig“ um einen Übersetzungsfehler handeln und tatsächlich sei Jesus am Kreuz Wein gereicht worden. Die christliche Moral ist sich also uneinig, ob das Leid eines Leidenden vermindert oder verlängert werden soll, ob die Hilfe für einen Todgeweihten ein Fluch oder ein Segen ist. Der tatsächliche humanitäre Nutzen für die Zivilbevölkerung vor Ort muss ebenfalls in Frage gestellt werden. So erinnert sich der Zeitzeuge Emmanuel Ede, dass in den Hilfslieferungen besonders viel Käse gewesen sei. Auch Jackson und Eade stellen in ihrem Oxfam Bericht fest, dass große Mengen Emmentaler-Käse aus der Schweiz nach Biafra geliefert wurden, die Unterernährten den Käse aber sofort erbrachen insofern sie das aufgedunsene Milchprodukt überhaupt zu sich nahmen. Mehr als anekdotische Evidenz für Fehllieferungen gibt es jedoch nicht.
Quellen
- Spiegel Onlinewww.spiegel.dehttps://www.spiegel.de/politik/ein-kavalierskrieg-a-36a4f512-0002-0001-0000-000045292995
- Caritas Internationalwww.caritas-international.dehttps://www.caritas-international.de/cms/contents/caritas-internationa/medien/dokumente/sonstiges/50-jahre-ende-des-bi/hintergrundpapier_50_jahre_ende_des_biafra-krieges_v2.pdf?d=a&f=o
- En · Wikipediaen.wikipedia.orghttps://en.wikipedia.org/wiki/Stephaton#Gospel_accounts
- Diakonie Katastrophenhilfewww.diakonie-katastrophenhilfe.dehttps://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/blog/erinnerungen-an-luftbruecke-nach-biafra-die-hilfe-war-ein-segen
- Sci Hub · Hkvisasci-hub.hkvisa.nethttps://sci-hub.hkvisa.net/10.1016/0306-9192(8390014-3