19.04.2022 — Welt / Deutschland / Ukraine
Meiner Meinung nach ist dieser Ablauf der Wahrnehmung des Biafra-Krieges ein Armutszeugnis für die Zivilgesellschaft der „Ersten Welt“. Die von den Bildern von Biafra-Kindern überwältigten Europäer vollzogen einen Wandel von unbedingter, persönlicher Unterstützung Biafras hin zu erbarmungsloser Indifferenz und Ablehnung, sobald das Thema nicht mehr in den Medien präsent war und öffentlich wurde, dass Biafra seine eigene Position durch Propaganda gestützt hatte. Im gesamten Zeitraum dieses persönlichen Sinneswandels blieb die humanitäre Notsituation vermutlich gleich, oder verschlimmerte sich wahrscheinlich sogar. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass in Deutschland etwas sehr ähnliches passieren würde, würde im Verlauf des Ukraine-Krieges öffentlich, dass auch die ukrainische Armee mit deutschen Waffen hunderte Zivilisten hinrichtet (hypothetisch), oder die Ukraine angeblich russische Massaker inszeniert (hypothetisch). Dieser Wille, unbedingt „auf der richtigen/moralischen Seite“ zu stehen ist in Deutschland heute präsent, was sich zum Beispiel in persönlichen Betroffenheitswellen in den sozialen Medien ausdrückt, und er wird durch das „Völkermord“-Framing verschärft. Diese Heuchelei hindert uns an einer kritischen Analyse des Ukraine-Krieges, so wie es uns 1968 an einer kritischen Analyse des Biafra-Krieges gehindert hat. In den folgenden Tagen werde ich den deutschen Diskurs zum Biafra-Krieg, die Holocaust-Vergleiche und die Reaktion der „68er“ tiefergehend thematisieren.