20.04.2022 — USA / Nigeria / Deutschland
2.1 Holocaust-Vergleiche Auch der Holocaust als Teil deutscher Geschichte wurde mit dem Biafra-Krieg in Verbindung gebracht. Genauer wurde die Blockade durch das nigerianische Militär mit dem Holocaust verglichen. In der August-Ausgabe des DER SPIEGEL mit dem Biafra-Kind auf dem Titelbild beginnt der Leitartikel mit einem Zitat des biafranischen Generals Ojukwu: „Einen Völkermord kann man erst beweisen, wenn er vollbracht ist“. Diese Aussage fasst gut einen Teil des Dilemmas heutiger Forschung zusammen. Noch heute kann man nicht genau sagen, ob in Biafra ein Völkermord stattfand, oder nicht. Die enorm hohen Todeszahlen alleine geben darüber zu wenig Aufschluss. Doch die „Völkermord“-Vokabeln waren nicht immer so dezent, wie in Ojukwus Zitat. Die PR-Agentur MarkPress warf Befürwortern der britischen Waffenlieferungen an Nigeria ohne Umwege vor, wie Hitler zu sein. Der wohl prominenteste Vergleich der Aushungerungstaktik Nigerias mit dem Holocaust formulierte Anfang Oktober 1968 Günter Grass, nach der Veröffentlichung von Biafra-Kinder-Bildern, in seinem in der DIE ZEIT veröffentlichten und in Hamburg öffentlich vorgetragenen „Appell an die Bundesregierung“ unter Bundeskanzler Willy Brandt. Im engsten inhaltlichen Zusammenhang appellierte er: „Auschwitz fand hinter Stacheldraht statt. Nur wenige wußten davon; das macht die Schuld nicht kleiner. Der Völkermord in Biafra findet in aller Öffentlichkeit statt.“ Die hamburger Schülerzeitung Skandalon titelte wenig später, im November 1968 „kz in biafra“. Auch ein Vorsitzender des Zentralrates der Juden der USA Tannenbaum wird zitiert, die Bilder aus Biafra mit Bildern aus Auschwitz gleichgesetzt zu haben. Wie Eingangs erwähnt, können Schuldgefühle von Akteuren genutzt werden, um die Entscheidungen der Schuldgeplagten zu modifizieren. Insbesondere im West-Deutschland der späten 1960er Jahre könnte der Holocaust-Vergleiche und damit verbundene Bilder von Biafra-Kindern gewisse Schuldgefühle erzeugt haben. Die biafranischen Propagandisten wären in diesem Szenario unter Anderen „ein Akteur“. Doch ist so ein Holocaust-Vergleich überhaupt nachvollziehbar? Um die Rezeption des Biafra-Krieges zu verstehen, bietet es sich an, sie mit der Rezeption des Holocaust zu vergleichen. Laut dem Historiker Lasse Heerten von der Universität Bochum dekontextualisiert die zeitgenössische Rezeption des Biafra-Krieges den „drohenden Völkermord“ von den komplexen politischen Verflechtungen des Bürgerkrieges. Der Holocaust-Vergleich tue das selbe, indem er den Völkermord an den Juden „von dem größeren Komplex der NS-Verbrechen absetze“. Dabei betont Heerten, dass die visuelle Verknüpfung von Bildern des Holocaust und Bildern der Biafra-Kinder bis heute maßgeblich für die Wahrnehmung von „Völkermorden“ sei.
Der Historiker Egon Flaig führte weiter aus, dass er davon ausgehe, dass psychologische Analysen der Überlebenden des Biafra-Krieges sehr ähnliche Fälle erzeugen würde, wie psychologische Analysen der Überlebenden des Holocaust. Er gesteht jedoch, dass es keine psychologischen Analysen der Überlebenden des Biafra-Krieges gebe. Flaig wurde wegen ähnlicher, angeblich Holocaust relativierender Positionen im Kontext des Historikerstreits vom Historiker Heinrich August Winkler Nähe zu einer „deutschnationalen Geschichtsapologie“ attestiert.
Quellen
- Spiegel Onlinewww.spiegel.dehttps://www.spiegel.de/politik/nur-beten-a-97d98271-0002-0001-0000-000045966348
- Youtubewww.youtube.comhttps://www.youtube.com/watch?v=loEMSjLfhgo
- Zeitwww.zeit.dehttps://www.zeit.de/1968/41/voelkermord-vor-aller-augen
- Mao Archivmao-archiv.dehttps://mao-archiv.de/Scans/BRD/S-H/SMV/001/Schleswig_Holstein_Schueler004.jpg
- Zeitgeschichte Digitalzeitgeschichte-digital.dehttps://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/1645/file/ZF_3_2011_393_413_Heerten.pdf
- Researchgatewww.researchgate.nethttps://www.researchgate.net/publication/261586081_A_Content_Analysis_of_Guilt_Appeals_in_Popular_Magazine_Advertisements
- Zeitgeschichte Digitalzeitgeschichte-digital.dehttps://zeitgeschichte-digital.de/doks/frontdoor/deliver/index/docId/1645/file/ZF_3_2011_393_413_Heerten.pdf
- Researchgatewww.researchgate.nethttps://www.researchgate.net/profile/Egon-Flaig/publication/289443513_Why_is_there_no_historical_Trauma_A_Nonsense_Word_goodbye/links/583d3b1e08ae3cb63656e70f/Why-is-there-no-historical-Trauma-A-Nonsense-Word-goodbye.pdf
- Zeitwww.zeit.dehttps://www.zeit.de/2011/30/Historikerstreit