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21.04.2022 — Deutschland / Nigeria / Europa

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Auch im März 1968 war das Biafra-Kind noch nicht in West-Deutschland angekommen. Trotzdem wusste ein Informationsblatt einer Oberschüler-Initiative von einer humanitären Krise zu berichten, versehen mit den Daten eines Spendenkontos. Auch dieses Informationsblatt stellt Biafra eindeutig als Opfer post-kolonialer Mächte dar: Die Biafraner hätten fehlerhafter Weise bei der Unabhängigkeit 1960 keinen eigenen Staat erhalten, die Biafraner seien in Folgen „politischer Wirren“ ermordet worden und Biafra unterliege nun einer von Nigeria errichteten See- und Luftblockade, an der auch die BRD teilhabe. West-Deutschland wird hier als Mitschuldiger an der humanitären Krise beschrieben, doch ein Holocaust-Vergleich kommt auch hier nicht zustande. Es wird von einem „Völkermord“ gesprochen. Eine religiöse Dimension wird erwähnt, die Gewalt gegen Igbo aber aus „nichtreligiösen Motiven“ als Teil eines Bürgerkrieges dargestellt. Es findet also eine politische Kontextualisierung des Konflikts statt. Ebenfalls wird hier bereits erwähnt, dass Biafra Waffen auf dem Schwarzmarkt kaufe! Dieses Flugblatt stützt sich auf Aussagen eines gewissen „Dr. Ibiam“ bei einer Pressekonferenz am 03. Februar, sehr wahrscheinlich 1968, an einem nicht benannten Ort. Vermutlich handelt es sich um Akanu Ibiam, der zwar keinen Doktortitel hatte, aber ein Arzt war und sich als ehemaliger Gouverneur der Provinz Ostnigeria und Vorsitzender des Weltkirchenrats seit 1967 in Europa aufhielt – genauer in Genf. Laut Ibiams Biographen David Nwafo war Ibiam zentral für die Etablierung der Luftbrücke von Europa nach Biafra. Ibiam war 1966 bereits in einer sehr prominenten Aktion am ersten Putsch beteiligt gewesen. Damals hatte er zusammen mit dem Präsidenten von Zypern, Makarios III., der gleichzeitig Erzbischof von Zypern war, dem amtierenden nigerianischen Premierminister Michael Okpara vermutlich das Leben gerettet. Ibiam hatte bereits politische Macht, bevor er nach Europa kam und es ist sehr wahrscheinlich, dass auf diesem Flugblatt biafranische Propaganda erstmals als solche dargestellt wird. Im selben Monat März erschien im Hamburger Abendblatt ein Spendenaufruf für Biafra, da Biafra Saatgut benötige. Damals war der Gründer des „Komitee Aktion Biafra-Hilfe“ Tilman Zülch von einer dreiwöchigen Reise aus Biafra zurückgekehrt, die er mit Hilfe des Diakonischen Werkes angetreten hatte. Dort habe er mit dem Medizinstudenten Obi Ifeobu gesprochen. Ifeobu war 1967 nach einem sechsjährigen Studium der Medizin an der Universität Hamburg „abgeschoben“ worden, nachdem er nach einer unangekündigten Protestaktion für Frieden in Vietnam angeblich die Bahnhofspolizisten zum Beispiel, als „SS-Schergen“ bezeichnet hatte. Dieser Vorfall erregte ein so großes Aufsehen, dass DIE ZEIT darüber berichtete. In diesem Artikel wird die hamburger Innenbehörde zitiert, bei der schnellen Abschiebung Ifeobus habe es sich um ein statuiertes Exempel gehalten. Nach seiner Abschiebung leitete Ifeobu in Biafra laut Abendblatt zwei Krankenhäuser und war wohl Kontaktmensch für die Hamburger Biafra-Hilfe. Doch wie im Abendblatt angekündigt, sollte Ifeobu nach West-Deutschland zurückkehren. Bereits im März 1967 hatte die west-deutsche Botschaft in Lagos einen Brief an den hamburger Polizeipräsidenten gesendet, in dem Ifeobus Familie als eine der „prominentesten Familien Nigerias“ beschrieben wurde. Kurz danach gab die Innenbehörde zu, dass die Ausweisung haltlos gewesen sei. Im April 1969 kam Ifeobu, finanziert von dem Komitee Aktion Biafra-Hilfe nach Hamburg zurück, um sein Studium abzuschließen. Dieses Kapitel der west-deutschen Interaktion mit Biafra zeigt, welche konkreten internationalen Verquickungen zwischen der biafranischen Elite und der Biafra-Hilfe in West-Deutschland vorkamen, aber auch, welche Verbindungen Vietnam-Proteste zu Biafra-Aktivismus hatten.

Quellen

  1. Mao Archivmao-archiv.de
    https://mao-archiv.de/Scans/BRD/BER/SMV/B_Schuelerbewegung_Das_grosse_Schweigen.jpg
  2. Web · Archiveweb.archive.org
    https://web.archive.org/web/20101126062600/http://kwenu.com/biafra/Ibiam_Memo.htm
  3. Etheses · Lse · Acetheses.lse.ac.uk
    http://etheses.lse.ac.uk/1460/1/U105277.pdf
  4. Zeitwww.zeit.de
    https://www.zeit.de/1967/09/exempel-statuiert
  5. Research · Bangor · Acresearch.bangor.ac.uk
    https://research.bangor.ac.uk/portal/files/22128193/LUEPKE_The_Other_Side_Final.pdf