25.01.2020 — Italien
Nicht vergessen! Der Weg zum Filmemachen erfolgt für Pier Paolo Pasolini über das Drehbuchschreiben. Ab 1954 arbeitet er für Regisseure und Produzenten, wie Fellini. Er lernt die Kunstform kennen, die das was er bisher in der Literatur versuchte, sehr viel leichter macht. Der Mann des Wortes stößt auf eine neue Sprache. Schon in seinem ersten Film "Acatone" von 1961 findet Pasolini zu einer Mischung aus dokumentarischem Realismus und ästhetischer Stilisierung, musikalisch begleitet von der orchestralen Einleitung des Schlusschors aus Bachs Matthäus-Passion. Der Film ist eine christliche Passionsgeschichte, die schon mit Acatone beginnt, wie er zwischen Sonne und Elend hin- und hergerissen alkoholisiert an spielenden Kindern entlangläuft - eigentlich ein Schlussbild, die Kreuzigung. Der Zuhälter Acatone stirbt mit gebrochenem Herzen bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei. Doch der Zuschauer empfindet Verständnis für ihn. Seine Filme erzeugen eine eigenständige Realität: Laienschauspieler sprechen Gossengespräche ebenso wie Dantezitate als reinen Text, die Filmbilder sind Renaissance-Kompositionen. Besonders die politische Linke sieht in dieser filmischen Stilisierung die soziale Anklage geschwächt. Aber Mystisierung bedeutet eben nicht Entpolitisierung. Wenn Acatone der moderne Jesus Christus ist, ist er genau wie der historische Jesus Christus eine hochpolitische Figur. Beide Figuren stehen außerhalb des bürgerlichen Bewusstseins und stoßen mit aller Gewalt in sie hinein. Die politische Linke versteht auch heute nicht den Wert der epischen Religiosität. 1964 verfilmt er mit seinem zweiten Film "Mama Roma" das Evangelium nach Matthäus. 1967 wird Pasolinis kreative Arbeit am Mythos Jesus Christus immer offensichtlicher. Diesmal jedoch projiziert er nicht in die römischen Vorstädte, sondern in die kühle Strenge einer großbürgerlichen Villa. Es kommt in "Theorema" ein Gast in die Villa, der Jesus und Dionysos zugleich ist und der infiziert alle Mitglieder der Villa. Die spirituelle und erotische Kraft des jungen Mannes umhüllt Eltern, Sohn, Tochter und Haushälter. Dabei setzt er nur die barocke Tradition fort, nach der Heilige auch erotisch sein können. Auch die Heilige Theresa von Avila lebt ihre mystische Ekstase als erotische Ekstase aus. Als der Jesus im Film die Familie verlässt, versinken alle anderen in Befreiung und völliger Entfremdung. "Wir stehen am Beginn dessen, was wahrscheinlich die schlimmste Epoche in der Geschichte der Menschheit sein wird. Die Epoche der industriellen Entfremdung!" schreibt er in seiner Gesellschaftskritik über den Konsumkapitalismus, der Geschichte zu vernichten droht. Immer heftiger fühlt sich Pasolini zur Radikalen Abwendung vom Kosum in Italien der 1970er gezwungen. Das Prinzip seiner totalen Kritik, der verzweifelten und sinnlosen Anklage an jeder Veränderung provoziert. Er war gegen die Frauenbewegung, da sie nicht radikal genug war. Er war gegen Abtreibung, da er als viel bessere Lösung Homosexualität predigte. Er verachtete auch die Homosexuellen. Er schlug sich 1968 auf die Seite der proletarischen Polizei gegen die bürgerlichen Studenten. Pasolini war ein Querulant.