01.11.2020 — USA / Frankreich / Indonesien
Nach der Enthauptung eines Lehrers in einer Pariser Vorstadt, da dieser in seiner Schulklasse Mohammed-Karikaturen besprochen hatte (17.10), polarisierte sich die Debatte relativ schnell global zu dem klassischen Abendland vs. Morgenland. Auslöser war, dass der französische Präsident Macron auf der Beerdigung des getöteten Lehrers auch jene Karikaturisten verteidigte, die den Propheten Mohammed als einen islamistischen Terroristen darstellten. Dadurch fühlten sich zahlreiche Staatschefs muslimischer Länder und ihre Bevölkerung (25.10,27.10) derart beleidigt, dass sie Macron Förderung von Hass vorwarfen (26.10). Diese intellektuelle Auseinandersetzungen täuschen aber nicht über die tiefer gehenden Gründe für den Konflikt zwischen Macron und Muslimen hinweg. 1. Von den 20% der Franzosen, die zu arm für z.B. eine gesunde Ernährung sind und in Banlieues leben, haben überdurchschnittlich viele einen Migrationshintergrund, viele davon sind Muslime, 2. Frankreich hat seit der ideologisch fundierten Säkularisierung unter Napoleon Probleme mit starken Religionsgruppen und spricht daher schnell von „Separatisten“, wodurch sich gerade junge Muslime diskriminiert fühlen (2.10,6.10), da sie pauschal des sozialen Gebildes „Frankreich“ verwiesen werden, was wiederum zu einer Radikalisierung durch radikale Imame führen kann, und 3. Ist Frankreichs kolonialistische Vergangenheit immer wieder systematisch spürbar, etwa bei Polizei-Einsätzen, oder grundlegenden rassistischen Ressentiments. Es ist also nicht nur die Frage über verletzte Ehre, wie es Erdogan, Khan oder Mahatir meinen, und es ist auch nur sekundär eine Frage der Presse- und Meinungsfreiheit, die Macron hier zu schützen versucht, sondern eine soziale Frage mit hartem historischen Kontext. Das Ergebnis des Ganzen war nun eine weitere islamistische Attacke an einer Kirche in Nizza mit zwei Toten (29.10).
In Indonesien gab es viele, große Proteste mit hunderten Festnahmen (8.10) gegen das sogenannte Omnibusgesetz (6.10), das Arbeitsrecht und Umweltschutz leicht zu umgehen macht. Davon werden große Konzerne und die Regierung gleichermaßen profitieren, die bis 2024 im Regenwald von Borneo eine neue Hauptstadt errichtet haben will (26.11.19), da die bisherige Jakarta bis zur Mitte des Jahrhunderts größtenteils im Meer untergegangen sein wird. In Thailand gingen die Proteste für eine Reform der Monarchie weiter (14.10,17.10,18.10,26.10). In Nigeria entwickelten sich aus anfänglich kleinen Protesten gegen harte Polizeimaßnahmen zur Durchsetzung der Corona-Maßnahmen (9.10) gewaltige, viel grundsätzlichere Proteste gegen Polizei und Polizeigewalt, die auch tatsächlich Wirkung zeigten (11.10,12.10). Trotzdem eskalierten die Proteste durch beidseitige Gewalt weiter zu 69 Toten (24.10) und 1,8 Milliarden $ Schaden für die nigerianische Wirtschaft (13.10,15.10,20.10,21.10). Die offenliegenden Parallelen zu den Protesten in den USA hängen wohl auch mit der großen nigerianischen Diaspora in den USA und ihren Kontakten nach Nigeria zusammen.