02.08.2020 — Deutschland / Welt
Corona spaltet In den letzten Monaten habe ich die Folgen der Corona-Krise in den Monatsrückblicken vernachlässigt, da ich nichts mit ihnen anzufangen wusste. Inzwischen habe ich mir meine Meinung zumindest für Deutschland darauf gebildet, welchen Einfluss die Krise auf einen beträchtlichen Teil der Mitte der Gesellschaft hat. Und mir stellt sich die Frage: Werden wir Zeugen eines autoritären Systemwechsels? Leider ist mir bewusst, dass viele Menschen, die gestern in Berlin demonstrierten in einer anderen Sphäre denken und meine Sorgen als „kranken Blödsinn“ abtun.
„Widerstand 2020“ 2020 wird zu einem historischen Wendejahr heranwachsen. Es gab bei dem ersten Höhepunkt der Flüchtlingskrise 2015 bereits ein so genanntes Wendejahr, und das sah sich durch den Brexit, Trump, den ExtremRechtsruck und die Militarisierung der Welt bis heute bestätigt. In diesem Zeitraum, insbesondere seit der Pandemie 2020 kamen neue gesellschaftliche Koalitionen zwischen Rechtsextremen und einer unpolitisierten Mitte zustande: Impfgegner, manche Anthroposophen, esoterische Wahrheitssuchende, gläubige (aber nicht bibeltreue) Christen und Nostalgiker demonstrieren heute gemeinsam mit apokalyptischen Preppern, Wutbürgern, Infokriegern und selbsterklärten Staatsfeinden. Ursprung dieser gemeinsamen Bewegung "Widerstand 2020" ist das Unverständnis darüber, dass Deutschland die Pandemie so gut überstanden habe, eben weil die Vorbeugung erfolgreich war. Stattdessen wird auf die Harmlosigkeit der Pandemie verwiesen und die vorbeugenden Maßnahmen werden unter den Generalverdacht gestellt, sie würden gezielt zu anderen Zwecken betrieben. Rechtsextreme Verschwörungsideologen sehen darin eine drohende Weltdiktatur (unter Bill Gates). Es ist also die radikale Rechte, die, wie 2015, ihr Mobilisierungsthema gefunden hat. Ein Teil der skeptischen Mittel- bis Oberschicht folgt dieser Ideologie, da sie einen alternativen Mainstream darzustellen scheint, radikalisiert sich allerdings wohl dadurch. 2020 liegt der Brennpunkt der Radikalisierung nicht in Ost-Deutschland, sondern im Südwesten, der traditionell anti-autoritär ist. Die von Rechtsextremen, wie Attila Hildmann und antisemitischen Extrem-Polemikern, wie Ken Jebsen angeleiteten anti-Corona-Bewegungen berufen sich auf Artikel 20 des Grundgesetzes, das Recht zum Widerstand - gegen den angeblich totalitären Hygienestaat. Der Widerstand richtet sich gegen Freiheitseinschränkungen, wobei dieser Begriff generalisiert wird, was zu der angesprochenen Radikalisierunng führt, wie ich befürchte. Diese Widerstands-Bewegung wird von Rechtsextremen angeleitet. Sie ist derzeit die lauteste Antwort auf die berechtigten sozialen und medizinischen Fragen, Sorgen und Existenzängste der Menschen während dieser Pandemie.