05.10.2020 — USA / Argentinien / Großbritannien
Peronismus Der Peronismus ist ein komplexes Phänomen. In einer Metapher wäre er ein Rugby-Ball, stark umkämpft von ein und der selben Mannschaft, die sich selber nicht einig ist, in welches Tor gezielt werden soll – das Spielfeld ist Argentinien. Der Peronismus ist für viele unterschiedliche Regierungen Argentiniens, trotz ihrer unterschiedlichen Politiken die grundlegende Ideologie. Sie ist in erster Linie keine Partei, sondern eine sehr ambigue und vielfältige Bewegung, die das 20. Jahrhundert geprägt hat. Benannt nach dem legendären und mystisch-verzerrten Präsidenten Juan Domingo Perón (1895-1974) waren seit seinem Amtsantritt 1946 sechs weitere Präsidenten und Präsidentinnen Mitglied der peronistischen Partei. Die Regierungszeit der Peronisten war von zwei langjährigen Militärdiktaturen und einiger kurzlebiger demokratisch legitimer Regierungen unterbrochen, sowie einer längeren ebenfalls demokratischen Phase in den 1980ern. Auch heute ist mit Alberto Fernández wieder ein Peronist im Amt. Die Geschichte des Peronismus lässt sich bisher in drei Kapitel teilen.
Vorgeschichte Argentinien ist ein Einwanderungsland, dessen Aufstieg in den 1870er Jahren mit der Ankunft von hunderttausenden Europäern, überwiegend Italienern und Spaniern begann. Sie lebten entweder in der Hafen-Großstadt Buenos Aires, oder besiedelten und beackerten die Wildnis (die kurz zuvor noch den Indigenen ihr eigen war). So entstand bald die Viehwirtschaft und der Agrarsektor boomte, was dem Land ein enormes Vermögen bereitete. 1913 lag das Pro-Kopf-Einkommen auf dem Niveau Deutschlands und Frankreichs – jedoch im höchsten Maße ungerecht verteilt auf die nationalen Eliten und britische Konzerne, die den gesamten Außenhandel und die Zentralbank kontrollierten. Im Gegenzug zu den landwirtschaftlichen Gütern, bekam Argentinien aus Großbritannien und den USA Industrie-Güter importiert. Die argentinische Industrie wurde dadurch gebremst – wie auch heute noch im gesamten Globalen Süden. Das änderte sich mit dem vorläufigen Ende des Welthandels während des Ersten Weltkriegs, sowie während der folgenden Wirtschaftskrisen. Die Industrialisierung erreichte Argentinien vergleichsweise spät.