05.10.2020 — USA / Deutschland / Argentinien
Peronismus Durch die anlaufende Industrialisierung wuchsen die Städte durch den Zuzug der Landbevölkerung und eine neue Arbeiterschicht entstand, die ihre Rechte einforderte. 1943 wurde Juan Domingo Perón Arbeitsminister der damaligen Militärregierung. Sie hatte im selben Jahr die zivile Regierung gestürzt, die zuvor den Kriegseintritt gegen Nazi-Deutschland in Aussicht gestellt hatte. Die Militärregierung hatte sich dagegen gestellt, da sie selber zum Teil Freunde des Faschismus waren, aber auch, weil sie sich nicht mit den Briten und den US-Amerikanern verbünden wollten, die Argentinien ausbeuteten. Argentinien entschied sich für den Dritten Weg, der von beiden Seiten des Weltkriegs übel genommen wurde und wird. Auch Perón zufolge waren die Alliierten Großbritannien und USA der treibende Motoren für die neokoloniale Abhängigkeit Argentiniens. Als Arbeitsminister unterstützte Perón die Gewerkschaftsbewegung und führte sie so erstmals ins aktive politische Leben ein. Bis dahin hatten die großen arbeitenden Bevölkerungsgruppen keine soziale und politische Repräsentation. Mit ihrer Hilfe wurde er 1946 zum Präsidenten gewählt und schlug einen demokratischen, deutlich weniger faschistoiden Weg ein. In seinen vielen Sozialprogrammen und Verfassungsreformen führte es den Acht-Stunden-Tag ein, ermöglichte Tarifverhandlungen, gründete eine Sozialversicherung für Arbeiter, führte das Wahlrecht für Frauen, sowie Gleichstellung in der Ehe ein, Verstaatlichte die Infrastruktur (zuvor in Hand ausländischer Investoren und argentinischer Eliten), industrialisierte das Land, machte die Grundschulbildung kostenlos, verbot rassistische Diskriminierung und löste die Universitäten von staatlicher Kontrolle. Kurz: Er errichtete einen linken Wohlfahrtsstaat auf der Basis kapitalistischer Mischwirtschaft mit erheblichen staatlichen Eingriffen. So wurde Argentinien zum egalitärsten Staat Amerikas, also mit der am engsten geschlossenen Einkommensschere. Wahre Volkspopularität verschuf ihm seine Frau Evita, die 1952 mit nur 33 Jahren starb. In Europa blicken wir heute auf Perón als ein Nazi-Kollaborateur zurück, der nach Kriegsende zahlreiche NS-Kriegsverbrecher aufnahm… ebenso wie die Alliierten in ihren Ländern, Kolonien und Besatzungszonen, oder auch der Vatikan. Der Begriff der „Rattenlinien“ wurde von US-Geheimdiensten geprägt, die damals schon um die Macht- und Kapitalinteressen US-amerikanischer Unternehmen in Argentinien fürchteten und daher 1946 eine Wahl Peróns verhindern wollten. Natürlich sind viele Nazis nach Argentinien ausgewandert und Perón unterhielt sehr gute Verbindungen zu Francos faschistischem Spanien. Doch der außereuropäische Faschismus war ein Teil des Versuchs, sich der Biploarität des Krieges im globalen Norden zu entziehen, insbesondere der angelsächsischen Dominanz. Der Faschismus war auch in Argentinien nur eine kleine Stütze zum Einschlagen des sogenannten „Dritten Wegs“ in Zeiten des Kalten Kriegs, wie in Österreich, Spanien, Jugoslawien, später Indien. Nach Peróns Wiederwahl 1951 veränderte sich sein Regierungsstil mit der zunehmenden Polarisierung des Landes in Peronisten und Anti-Peronisten zu mehr Repression: anti-peronistische rechts-faschistische Oppositionsparteien, die von der US-Botschaft unterstützt wurden, wurden verboten, ebenso wie die Koalitionsbildung im Parlament. Außerdem wurde die übermächtige Oppositionspresse, die mit Pseudo-Informationen (Fake News) jede Regierungsarbeit unmöglich machte, verboten. 1955 wurde Perón mit brutalen Massakern an Zivilisten durch das Militär, unterstützt von der katholischen Kirche und den Oligarchen aus dem Amt geputscht und der Peronismus verboten, von dem damals gut 40% der Bevölkerung Anhänger war. Perón exilierte sich nach Spanien. Die Regierungen von 1955 bis 1973 waren entweder zusammengesetzt aus brutalen europäisch-rechts-faschistischen Militärs, oder ihren Marionetten.