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06.08.2022 — Nigeria / Sahel / Sokoto

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (3/12) 3.1 Die Bundesregierung I: Von „Banditentum“ zum islamistischen Terrorismus Wie die einzelnen Akteure des Konflikts den Konflikt beschreiben trägt zu ihrem Umgang mit dem Konflikt bei, Zentral ist dabei die Behauptung, der Konflikt stelle ein Sicherheitsproblem dar. Das nennt man „Versicherheitlichung“. Im Juli 2021 begannen nigerianische Behörden eine Kampagne zur Legitimierung von weiteren Kampfhandlungen und neuen Strategien gegen die „Banditen“. Damals warnte der nigerianische Immigrationsminister Babandede vor einem größeren "movement of bandits from Zamfara in the northwest towards Borno region [where they] are seeking intensive training by Boko Haram". Dieses Narrativ, die „Banditen“ im Nordwesten und Boko Haram im Nordosten würden sich vereinen und so eine existenzielle Bedrohung für den Staat Nigeria werden, wurde in den Monaten seither kultiviert. Als wohl einschneidendstes Ereignis gilt die konsequente Benennung der „Banditen“ als „Terroristen“ durch die nigerianische Bundesregierung seit November 2021. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Vorwürfe, die „Banditen“ und Boko Haram würden sich vereinen, als im März 2022 der Fernzug zwischen Abuja und Kaduna mit Sprengstoff überfallen wurde und eine unbestimmte Anzahl an Fahrgästen entführt wurde. Der nigerianische Senat bat daraufhin Präsident Buhari, den „Banditen“ den Krieg zu erklären. Laut der nigerianischen Regierung war dieser Zugüberfall das Kooperationsergebnis von „Banditen“ und aus dem Nordosten vertriebenen Boko Haram Kämpfern. Das ist das selbe Narrativ, wie das Narrativ Babandedes, aber geographisch genau anders herum. Die Onlineausgabe des traditionsreichen südwest-nigerianischen Nigerian Observer titelte auf Grundlage dieses Verdachts: „Banditry is now the Financial Wing of Boko Haram“ - kein neuer Vorwurf, ergänzt durch Statements, wie „Bandits are now members of Boko Haram“. Das entscheidende Narrativ liegt jedoch in der angeblich drohenden Ausweitung der „Banditen“, und dem Argument folgend somit ebenso der „Boko Haram“ in ganz Nigeria: „Bandits are terrorists who can raise funds for Boko Haram across Nigeria“. Das Bedrohungsnarrativ, das besonders im Süden des Landes Anklang findet, reproduziert bereits vorhergehende Narrative, der muslimische geprägte Norden bedrohe den christlich geprägten Süden. Dieses Narrativ wurzelt in der Zeit der Islamisierung der Sahel-Zone und dem damit verbundenen Sokoto-Dschihad im Norden Nigerias seit dem 18. Jahrhundert. Der seitdem muslimisch geprägte Norden Nigerias bekam während und nach der Kolonialzeit durch Großbritannien aus machtpolitischen Gründen mehr politische Macht, als die südlichen Regionen. Das führte auch nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 dazu, dass Religionszugehörigkeit trotz abnehmender geistlicher Bedeutung, sozial und politisch bis heute spürbar bleibt. Beispielsweise nutzten im Nigerianischen Bürgerkrieg von 1967 bis 1970, auch Biafra-Krieg genannt, christliche Akteure anti-muslimische und islamophobe Propaganda, um ihren Kampf gegen die Bundesregierung zu legitimieren. Und auch 2022 ist das Thema angeblich drohender Islamisierung noch präsent. Edwin Clark, der Vorstand des Forums der Anführer des Südens und des Mittelstreifens Nigerias, beklagte im Juli 2022, dass der Präsidentschaftswahlenkandidat der Regierungspartei APC Tinubu Nigeria „islamisieren“ wolle, weil Tinubu, seinerseits Moslem, einen ebenfalls muslimischen Politiker als seinen Vizepräsidentschaftswahlenkandidaten nominiert hatte. Es existiert also nicht nur die Behauptung, „Banditen“ und Boko Haram seien vereint, was die akute Bedrohung für die mehrheitlich muslimische Bevölkerung des Nordens beschreibt, sondern auch, dass der „Banditen“-Konflikt für die südliche Bevölkerungsmehrheit eine „Islamisierungsgefahr“ darstelle.

Quellen

  1. Africanewswww.africanews.com
    https://www.africanews.com/2021/08/07/nigerian-authorities-warn-of-increased-gang-terror-activities/
  2. Thenigerialawyerthenigerialawyer.com
    https://thenigerialawyer.com/wp-content/uploads/2022/01/Gazette-declaring-bandits-TheNigerialawyer.pdf
  3. Premiumtimesngwww.premiumtimesng.com
    https://www.premiumtimesng.com/news/headlines/521738-one-week-after-kaduna-train-attack-168-passengers-still-unaccounted-for-nrc.html
  4. Saharareporterssaharareporters.com
    https://saharareporters.com/2022/04/05/nigerian-senate-asks-buhari-declare-full-fledged-war-terrorists
  5. Nigerianobservernewsnigerianobservernews.com
    https://nigerianobservernews.com/2022/04/banditry-is-now-the-financial-wing-of-boko-haram/
  6. Jstorwww.jstor.org
    https://www.jstor.org/stable/23017723
  7. Saharareporterssaharareporters.com
    https://saharareporters.com/2022/07/11/ruling-apc-candidate-tinubus-muslim-muslim-ticket-confirms-attempts-islamise-nigeria--0