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12.10.2022 — Nigeria

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (13/12) 5 Nachtrag: Update Oktober 2022 und Fulani-Perspektive auf den Konflikt Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria hält bis heute an, wenngleich Berichterstattung über einzelne Vorfälle abgenommen hat. Das Armed Conflict Location and Event Data Project ACLED stellt in seinem Halbjahresbericht zu Nigeria fest, dass „civilian targeting increased by 45% throughout the first six months of 2022 [...], with more than 2,300 reported civilian fatalities“ und dass „Government measures to curb violence by these [...] ‘bandits’ have so far largely failed.“ In der Zeit seit der Veröffentlichung der 12-teiligen „Banditen“-Serie auf diesem Kanal im August kamen die „Banditen“ einige male in den Nachrichten vor, wovon ich zwei Ereignisse näher betrachten möchte:

1. Letzte Woche Mittwoch wurden alle 23 verbleibenden Entführungsopfer des Überfalls auf den Schnellzug zwischen Abuja und Kaduna freigelassen. Der Sprengstoff-Überfall hatte im März 2022 in der internationalen Presse eine Welle der Vermutungen ausgelöst, die „Banditen“ könnten nun mit Sprengstoff-geübten islamistischen Gruppierungen kooperieren. Dieser Trend setzte sich seither nicht fort. Bei dem Überfall wurden viele Menschen entführt, aber die Zahlen schwankten: Mal war von 168 Vermissten die Rede, mal von über 100, dann von offizieller Seite von 63. Die vermutlich letzten 23 wurden nun, laut einem Bericht des nigerianischen Vanguard, nach einer Lösegeldzahlung von sechs Milliarden Naira freigelassen, was umgerechnet 14,2 Millionen Euro sind. Die Zahlung von Lösegeld ist seit April 2022 eigentlich verboten. Das Komitee des Verteidigungsministeriums, das die Freilassung der 23 Menschen verhandelt hatte, nennt allerdings keine solche Summe und spricht auch nicht von „Banditen“, sondern von der Boko Haram – einer üblichen Floskel, um Milizen einen Namen zu geben. Ein Mitglied des Komitees nannte in einem Interview eine Lösegeldzahlung in der Höhe von 200.000$, von denen die nigerianische Zeitung The Sun berichtet, sie und private Lösegeldzahlungen von Angehörigen seien bar und in unterschiedlichen Währungen durch den Vermittler Tukur Mamu überreicht worden. Mamu ist der Medienberater des mächtigen Mufti der Zentralmoschee von Kaduna, Ahmad Gumi, der seinerseits als „Banditen“-Versteher gilt und u.a. im Austausch mit dem berüchtigten „Banditen“-Anführer Kachalla Bello Turji steht. Die nigerianische Zeitung The Cable zitiert das Mitglied des Komitees, dass die „bandits never asked for money ab initio, but he [Mamu] put money issue into the whole thing and derailed the process […] for the past six months“. Mamu wurde Anfang September wegen des Vorwurfs festgenommen, den Verhandlungs-Prozess zu verzögern und für seine eigenen Interessen auszunutzen. Im August hatte Mamu seinerseits der Regierung in einem Interview vorgeworfen, den Verhandlungsprozess nicht zu unterstützen, was dazu führe, dass „it will be very very dangerous for me [Tukur Mamu] to continue this “. Er wirft der Regierung vor, die Situation nicht richtig einzuschätzen und den Prozess somit zu verzögern. Es bleibt unklar, wer die Entführer waren, wie viel Lösegeld tatsächlich von Angehörigen oder staatlichen Akteuren bezahlt wurde und ob die Vorwürfe gegen den Vermittler Mamu in ihrer schwere stimmen, oder ob sie teilweise auch staatliches Versagen vertuschen sollen. Klar ist nur: 23 Menschen sind jetzt wieder frei.

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15.08.2022 — USA / Nigeria / Libyen

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (12/12) 4 Fazit Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria wird auch 2022 vermutlich der tödlichste Konflikt Nigerias sein. Wie anhand der zahlreichen Beispiele beschrieben, befinden sich die Akteure in gewisser Weise in einem Dialog über die Hintergründe des Konflikts und wie man ihn beenden kann. Manche Akteure halten Islamisierung und Terrorismisierung für das grundlegende Problem und fordern daher harte militärische Maßnahmen; die Gouverneure der betroffenen Staaten hingegen machen aktiv gegen die akute Gefahr von „Banditen“-Angriffen Politik; zahlreiche Akteure versuchen, gegen die Finanzierung des Kampfes der „Banditen“ vorzugehen; und die „Banditen“ selbst halten ihre eigene Lebensrealität für das fundamentale Problem. Doch auch darüber hinaus finden unterschiedliche Akteure mit unterschiedlichen Interessen ganz unterschiedliche, vermutlich alle recht wichtige Grundlagen für den Konflikt: den Klimawandel, Kriminalität, allgemeine Präsenz von Waffen, spezieller die NATO-Intervention in Libyen und auch die Willkür nigerianischer Sicherheitskräfte und der nigerianischen Justiz. Weitere Hintergründe, wie die Rolle der Emire auf lokalpolitischer Ebene, oder der tschadische Bürgerkrieg konnte ich aus zeitlichen Gründen nicht aufzeigen. Wie nun geht es weiter? Mit der Bezeichnung der „Banditen“ als „Terroristen“ steht eine Einmischung durch die USA im Raum. Dass die aber kein großes Interesse daran haben könnte, direkt zu intervenieren, habe ich bereits ausgeführt. Die nigerianische Bundesregierung kann aber ohne zusätzliche Hilfe ihren Mehrfrontenkrieg im eigenen Land nicht weiter führen, zumal durch die anstehenden Wahlen 2023, politisch bereits seit Monaten höchst aufgeladen, noch einmal alles durcheinanderwirbeln könnten: Eine neue Regierung könnte Wandel bringen, vermehrte Aktivitäten der „Banditen“ könnten den Druck erhöhen, aber auch neue Allianzen der „Banditen“ könnten die politische Landkarte verändern. Denn, wie beschrieben, die „Banditen“ sind derzeit noch mächtig genug, um nicht mit islamistischen Milizen kooperieren zu müssen. Allerdings schrumpft diese Macht durch die erfolgreiche Politik der nördlichen Bundesstaaten, durch die Angriffe akut schwieriger gemacht werden. Wer wird den „Banditen“ Treibstoff anbieten, damit sie ihre Angriffe fortführen können? Könnten geschwächte „Banditen“-Gangs langfristige Unterstützung bei islamistischen Milizen suchen? Diese Fragen stehen im Raum und für uns, als außenstehende Beobachter, bleibt wenig anderes übrig, als hinzusehen.

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14.08.2022 — Nigeria / Sahel / Europa

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (11/12) 3.7 Die BBC und die Versicherheitlichung der ökologischen Umstände Afrikas Das Klima in der Sahel-Zone, die voranschreitende Desertifikation, Dürre und Trockenheit werden in der Klima-Debatte häufig herangezogen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf eine Gesellschaft, aber auch auf Europa zu beschreiben. In einem Papier des deutschen Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung stellte die eingeladene Michelle Leighton von der Universität San Francisco zum Beispiel bereits 2007 einen direkten Zusammenhang zwischen Desertifikation und „larger population movements [...] to Europe“ fest und stellte fest, dass die meisten OECD-Länder Migration als eine Sicherheitsbedrohung wahrnehmen. Um zu analysieren, ob eine Versicherheitlichung des „Banditen“-Konflikts entlang dieses „Klima-Themas“ in der Öffentlichkeit geschieht, untersuche ich Artikel der BBC, der mit am meisten gelesenen internationalen Zeitung, über „Banditen“. Der nigerianische BBC-Journalist Nduka Orjinmo brachte im Juli 2020 anlässlich der Zunahme der „Banditen“-Aktivitäten im Bundesstaat Katsina Desertifikation, Entwaldung und Wasserknappheit in engsten Zusammenhang mit der Motivation von Viehhirten, gewaltsam gegen andere Viehhirten vorzugehen. Die Gewalt entstamme dem Konflikt um die Ressourcen, wegen dessen sich etwas wie „Bürgerwehren“ gebildet hätten. Für eine ähnliche Wortwahl und somit eine ähnliche Perspektive auf den Konflikt entschied sich auch die bereits erwähnte ACLED. Orjinmo, eine der journalistischen Hauptquellen für die BBC, vollzieht in seinem Artikel keinen argumentativen Schritt zwischen den Kämpfen zwischen den Bürgerwehren, andernorts „interkommunale Kämpfe“ genannt, und dem Lösegeld- und Plünderungsgeschäft. Auch in anderen Artikeln Orjinmos bringt er prominente Entführungsfälle durch „Banditen“, wie die Entführung von 84 Schulkindern im Bundesstaat Katsina, ausschließlich mit dem Ressourcenkonflikt zwischen Vieh- und Ackerwirten in Verbindung. Auch in weiteren BBC-Artikeln aus dem Jahr 2020 über den „Banditen“-Konflikt wird er ausschließlich mit dem Ressourcenkonflikt erklärt (; ). Diese monokausale Erklärung in einem der einflussreichsten Medien der englischsprachigen Welt, könnte als Narrativ der Versicherheitlichung gewertet werden. Die linguistische Repräsentation findet hierbei nicht direkt über den Begriff der „Sicherheit“ statt, sondern geht einen Umweg: Zunächst berichten die BBC-Artikel von Entführungen und Überfällen, die aufgrund ihrer Grausamkeit Aufmerksamkeit erregen; dann wird berichtet, dass solche und ähnliche Angriffe häufig vorkommen, weil sie Teil eines andauernden Konflikts sind; zuletzt wird der Konflikt ausschließlich mit dem Ressourcenkonflikt in Verbindung gebracht. Ich vermute, dass dieser Ressourcenkonflikt bei den meisten Lesern nicht der letzte gedankliche Schritt ist, sondern dass er mit den Folgen des Klimawandels in Verbindung gebracht wird. Auch in anderen BBC-Artikeln wird die Desertifikation in der Sahel-Zone, als Folge des Klimawandels, mit der Zunahme von Ressourcenkonflikten oder sogar Terrorismus in Verbindung gebracht (, ). Ich argumentiere also, dass die BBC den Kontext des „Banditen“-Konflikts 2020 mittels ihres Narrativs vereinfacht hat, um die Folgen des Klimawandels für die Sicherheit von Menschen in gefährdeten Regionen zu versicherheitlichen. Demnach würde die BBC den Klimawandel über Umwege zu einer Sicherheitsbedrohung für die Stabilität einer Europa benachbarten Region erklären und die britische und internationale Leserschaft würde aufgefordert, weniger CO2 zu emittieren.

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13.08.2022 — Nigeria / Sahel / Senegal

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (10/12) 3.6 Versicherheitlichung der ethnischen Zugehörigkeit Sogenannte „herder-farmer conflicts“ bestehen in vielen Teilen der Sahel-Zone und Ostafrikas, und werden bereits seit Jahrzehnten beobachtet, aber noch nicht lange erforscht. Sie beschreiben den Konflikt zwischen (halb-)nomadischen Viehwirten und ansässigen Ackerwirten, die um Ressourcen konkurrieren und die sich durch ihre unterschiedlichen Lebensweisen fremd sind. Dabei sind diese Ressourcen in den letzten Jahrzehnten unter Kontrolle einzelner Politiker und Militärs gelangt. In vielen Teilen Westafrikas nehmen Angehörige der Ethnie der Fulani die Rolle der Viehwirte ein. Sie stellen in den meisten Ländern von Senegal bis zur Zentralafrikanischen Republik eine bedeutende Minderheit und in zahlreichen Staaten Westafrikas sind Staatschefs und andere wichtige Politiker von Fulani-Herkunft, so auch in Nigeria mit Präsident Buhari. Als Muslime waren sie seit dem 18. Jahrhundert Akteure der Ausbreitung des Islam in Westafrika, was, wie oben besprochen, zu Spannungen mit christlichen Bevölkerungsteilen führt. Das Narrativ, das jenseits der Religionszugehörigkeit gegen Fulani entsteht, besteht darin, dass diejenigen Fulani, die noch (halb-)nomadisch mit ihrem Vieh umherziehen, ein Sicherheitsrisiko darstellen. Dieser Konflikt wurzelt in der Transformation von feudal-ähnlichen, Allmende-ähnlichen vor-kolonialen Zuständen, bei denen die Hirten die herrschende Schicht stellten, hin zu der Einhegung der Landstriche in Folge des kapitalistischen Kolonialismus. Nur von sesshaften Landwirten konnte die britische Kolonialregierung Steuern eintreiben. Im britischen Kolonialismus des 20. Jahrhunderts wurden die Fulani sesshaft gemacht, wodurch sie eher Ackerbau betrieben, die Herden anwuchsen, was dazu führte, dass die Weiden bald überweidet wurden. Im Zuge dieser Landreformen, die das Konzept „Besitz“ einführten, entstanden Konflikte darum, welcher der Landwirte das Recht hatte, Ressourcen in Besitz zu nehmen. Im gesamten 20. und 21. Jahrhundert sind darum immer wieder Konflikte entbrannt. Im Nigeria des 21. Jahrhunderts ist eine Eskalation dieses Konflikts besonders seit 2015 zu beobachten, als die verbleibenden (halb-)nomadischen Fulani in die zentralen und südlichen Landesteile zogen, weil im Norden das Gras durch Trockenheit zu dürr geworden war, und mehr Waffen die Konflikte tödlicher machten. Wie ambivalent diese Konflikte von der nigerianischen Bundesregierung und anderen Akteuren versicherheitlicht wird, analysiert Kodiki Henry Chukwuma von der Universität East Anglia. Von Interesse soll nun Chukwumas Analyse sein, dass auch die „zivilen“ Fulani-Viehwirte als „new face of Terror“ bezeichnet wurden. In weit verbreiteten Zeitungen, wie The Nation wird die Einstellung verbreitet, dass „Banditen“ und Fulani-Hirten identisch seien und sie gemeinsam einen Aufstand durchführen würden, wobei die „Banditen“ sich bloß als Hirten tarnen würden. Demnach seien auch die Fulani-Hirten, die in den Süden gezogen seien „the brunt of these inhuman elements taking cover as herdsmen“. Ähnliches geschieht auch in anderen Tageszeitungen (Nigerian Tribune; Premium Times Nigeria). Das ist eine sehr harte Rhetorik, die sich auf die Versicherheitlichungstheorie anwenden lässt. Demnach würde die wichtige Zeitung The Nation die Fulani-Hirten, auch im Süden, zu einer Bedrohung für sowohl die Stabilität Nigerias, als auch die „Menschlichkeit“ der Bevölkerung im Süden Nigerias, wodurch die Gouverneure im Norden und die Bevölkerung im Süden dazu angehalten werden, politische und militärische Maßnahmen gegen Fulani durchzuführen.

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12.08.2022 — Nigeria / Sokoto

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (9/12) 3.5 Was versicherheitlichen „Banditen“? „Banditen“ werden in den meisten nigerianischen Medien als bewaffnete Gruppen dargestellt, die keine politischen Ambitionen verfolgen, sondern aus Armut, Ideologie oder „Unmenschlichkeit“ handeln. Die „Banditen“ und wenige Forscher, Zeitungen und Journalisten sehen das anders. Eine der prominentesten Medienhäuser Nigerias, das gelegentlich die „Banditen“ interviewt und über ihre politische Beweggründe schreibt, ist das Medienkonglomerat Media Trust aus Abuja mit seiner Tageszeitung Daily Trust und dem YouTube-Kanal TrustTV. Ein Herausgeber der Daily Trust, Abdulaziz Abdulaziz, wurde bereits erwähnt. Neben ihm ist der nigerianische Sozial- und Wirtschaftshistoriker Murtala Ahmed Rufa‘i von der Universität Sokoto von Interesse. Rufa‘i wird sowohl in internationalen Zeitungen, wie dem katarischen Nachrichtensender Aljazeera, als auch lokalen, nigerianischen Medien, wie der traditionsreichen Zeitung The Punch, als Experte für den "Banditen"-Konflikt herangezogen. 2021 veranstaltete er in in der Universität von Sokoto eine Vorlesung unter dem Titel „I am a Bandit“, die landesweit aufsehen erregte. Diese medialen und akademischen Akteure berichten über die Gewalttaten der „Banditen“ und kritisieren die Gewalt. Von Interesse soll nun aber sein, wie sie und die „Banditen“ selbst, die Lebensumstände der „Banditen“ versicherheitlichen. Shehu Rekeb, der Anführer einer kleineren „Banditen“-Gruppe aus Zamfara erklärte zum Beispiel sein Leben im „Banditentum“ in einem Interview mit Abdulaziz mit der biographischen Anmerkung: „None of us here is educated.“ und ergänzte sie mit systematischer Kritik: „The law says they [Staatsvertreter] should empower citicens and secure them and their property. None of that happens.“ Dadurch versicherheitlicht Rekeb die Abwesenheit von staatlich vermittelter Bildung als Legitimation für die Extraordinary Measure, „Banditen“ zu werden. Die Versicherheitlichungstheorie greift also auch hier. Shehu Rekeb erklärt fehlende Bildung zu einem Sicherheitsproblem, das sein „Banditendasein“ legitimieren soll. Ein weiterer „Banditen“-Anführer aus Zamfara, Halilu Sububu Seno, ist deutlich bekannter, er ist ein „Kachalla“, also ein besonders ehrenhafter Anführer. Halilu versicherheitlicht in einem Interview mit Abdulaziz von der Daily Trust die Kriminalität in den ländlichen Regionen Zamfaras, wie in der Region Shinkafi. Hier ist Halilu mit den Gemeinden der Region Friedensabkommen eingegangen, laut denen die Gemeinden sich nicht gegen die „Banditen“ wehren und die „Banditen“ die Gemeinden im Gegenzug vor „Thieves“ schützen, gegen die der Staat nichts ausrichten würde. Die Folge davon sei relative Sicherheit für Shinkafi gewesen, aber auch, dass die „Banditen“ einen Rückzugsort geschaffen hätten, um benachbarte Regionen zu attackieren. Der Securitizing Actor wäre hierbei der Kachalla Halilu versicherheitlicht also Kriminalität durch „Thieves“ als Bedrohung für die Sicherheit der Bevölkerung Shinkafis, weshalb sie im Gegenzug zulässt, dass Halilu und seine Gruppe sich in der Region etablieren können. Wer genau diese „Thieves“ sind, ob das als Erpressung oder gar als Mafia-Netzwerk gelten könnte, bedarf weiterführender Forschung. Der Kachalla Bello Turji, möglicherweise der bekannteste „Bandit“, operiert ebenfalls aus der Region Shinkafi in Zamfara heraus. Er adressiert in einem Interview mit Abdulaziz in der Daily Trust direkt die Problematik, die mit der Versicherheitlichung einhergeht: „If people are to be secure, there shouldn’t be discrimination in protecting the lives of Nigerian people. Unfortunately, the security situation is politicised“. Turji zufolge fände in Nigeria ein Genozid gegen Angehörigen der Ethnie der Fulani statt. Dies geschehe unter dem Deckmantel nigerianischer Sicherheitspolitik. Er versicherheitlicht also die Sicherheitspolitik Nigerias, das sie Sicherheit der Fulani gefährde und argumentiert, dass die „Banditen“ keine Abkommen mit Nigeria einhalten werde.

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11.08.2022 — Nigeria / Niger / Libyen

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (8/12) 3.4.3 Versicherheitlichung von Waffen Zahlreiche Beobachter und Akteure des „Banditen“-Konflikts halten die Präsenz und Verfügbarkeit von Waffen für einen maßgeblichen Faktor für die Eskalation des „Banditen“-Konflikts. Die Bundesregierung verbot dagegen jegliche Bergbauaktivitäten in Zamfara, da die „Banditen“ im Verdacht standen, mit dem erwirtschafteten Gold neue Waffen zu kaufen. Dem Gouverneur von Zamfara, Bello Matawalle, zufolge ist jedoch fraglich, ob das zielführend ist, da die „Banditen“, auch laut eigenen Angaben, gar keinen Bergbau betreiben. Damit verbunden war eine weitere Maßnahme der Bundesregierung, die für Zamfara gilt: die Einrichtung einer Flugverbotszone, da die „Banditen“ ihre Waffen per Flugzeug bekommen würden. Auch an der Wirksamkeit dieser Maßnahme zweifelt Matawalle. Auch laut Recherchen des Journalisten und Herausgebers der Zeitung Daily Trust Abdulaziz Abdulaziz, finden solche Waffenlieferungen per Flugzeug nicht statt. Die Entscheidung der Bundesregierung lässt sich durch die Versicherheitlichungstheorie beschreiben. Demnach würde die nigerianische Bundesregierung eine Flugverbotszone einrichten und ein Bergbauverbot durchsetzen, um Waffenkauf und Waffentransport, also Waffenhandel zu unterbinden, was den Frieden näher bringen würde. Viel mehr noch werden jedoch Waffenlieferungen über den Landweg versicherheitlicht, genauer über Niger und aus Libyen. Bezüglich Niger wird dabei häufig die weitestgehend unbewachte nigrisch-nigerianische Grenze versicherheitlicht. Der Gouverneur von Katsina, Aminu Masari, tut das, nigerianische Zeitungen wie The Cable und Vanguard adressieren das, ebenso wie internationale Zeitungen, wie der britische the Guardian und viele Weitere (Daily Trust TV; the Cable; Vanguard; ). Die Forderung ist dabei durchgehend, die Grenze besser zu bewachen. Am Beispiel des Artikels in The Cable heizen Waffen, die an der nigrisch-nigerianischer Grenze gehandelt werden, die Gewalt an, und daher muss sie besser gesichert werden, um den Konflikt im Nordwesten Nigerias zu deeskalieren. Eine deutlich andere Konnotation legt der Schwerpunkt auf die Herkunft der Waffen aus Libyen. Sie ist eine internationale Perspektive, die den „Banditen“-Konflikt geopolitisch in die jüngere Geschichte der Region Nordafrikas und Westasiens einordnet. Der nigerianische Journalist Ope Adetayo von Aljazeera sieht in der Destabilisierung Libyens nach der NATO-Intervention 2011 einen maßgeblichen Faktor dafür, warum die Regionen in und südlich der Sahara seither mit mehr Waffen versorgt werden. Dass sich nach dem Zusammenbruch des libyschen Staates seit 2011 Waffen aus libyschen Waffenlagern weit und viel verbreiten, stellt auch ein Bericht des Conflict Armament Research fest. Bei diesem Beispiel versicherheitlicht der internationale Nachrichtensender Aljazeera die NATO-Intervention in Libyen 2011 als Bedrohung für den Frieden in der Sahel-Zone mit der Behauptung, dass „a constant stream of SALWs across the Sahel has energised fresh and evolving crises“, was eine Ablehnung des „westlichen“ NATO-Interventionismus hervorrufen soll. Das sind allesamt transnationale Themen und teilweise große Fragen unserer Zeit, die eine gewisse Auseinandersetzung erfordern. Aber was halten eigentlich die „Banditen“ selbst für die größten Sicherheitsprobleme?

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10.08.2022 — Nigeria / Katsina

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (7/12) 3.4.2 Bekämpfung der Finanzierung der „Banditen“ Neben den direkten Angriffen widmen sich Maßnahmen der Landesregierungen auch der Bekämpfung der Finanzierung der „Banditen“. Als die vier Bundesstaaten Ende August 2021 das öffentliche Leben zur Bekämpfung der „Banditen“ stark einschränkten, verbot der Gouverneur von Kaduna zusätzlich zum Beispiel die Rodung von Bäumen. Es war befürchtet worden, dass die Baumfäller mit den „Banditen“ kooperierten. Im Zentrum der Berichterstattung über den Konflikt werden immer wieder die großskaligen Viehdiebstähle erwähnt. Viehdiebstahl ist laut nigerianischen Politikwissenschaftlern, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, bereits 2016 zu einem „major crime in Nigeria“ und somit zu einem „major internal security concern“ geworden. Dabei wird wohl der maßgebliche Teil des gehandelten Viehs bei Überfällen auf Dörfer erbeutet. Dieses relativ neue Phänomen sei staatsgefährdend, weil sich auf diese Weise Staatsfeinde ihren Kampf finanzieren würden. Der Staat müsse Sicherheitspersonal in die Wälder entsenden, in denen sich die Viehdiebe versteckt hielten. Neben dem offensichtlichen Nutzen, weitestgehend straflos Vieh zu stehlen, haben Überfälle auf Dörfer jedoch scheinbar manchmal auch den Charakter von „Rachefeldzügen“. Im Juli 2021 überfielen „Banditen“ beispielsweise ein Dorf in Katsina, töteten 18 Menschen, legten Brände und stahlen Vieh. Die „Banditen“ hatten das Dorf ausgewählt, weil die Bewohner zuvor nicht mit ihnen kooperieren wollten und vorherige Angriffe abgewehrt hatten). Neben Viehhandel, Überfällen auf Dörfer, Raubzügen und Tötungen kristallisierte sich 2020 heraus, dass Lösegeldzahlungen für Entführte eine der Haupteinnahmequellen der „Banditen“ waren. Laut dem politischen Analysten Bukarti vom britischen Tony Blair Institute for Global Change, ist das Geschäft mit Lösegeld „the most lucrative industry in Nigeria today“. Im Februar 2021 bat der nigerianische Präsident Buhari die Gouverneure daher, keine Lösegelder mehr zu bezahlen. Doch die Zahlungen gingen, auch von privater Seite der Angehörigen der Entführten, weiter. Die nigerianische Bundesregierung reagierte darauf im April 2022 mit einem Gesetz, das seinen Bürgern Lösegeldzahlungen verbot und mit einer Höchststrafe von 15 Jahren drohte. In dem selben Gesetz wurde die Höchststrafe für Entführungen auf Todesstrafe erhöht, sollten die Entführten bei der Entführung oder in Obhut der „Banditen“ sterben. Ende Juni 2022 unterzeichnete der Gouverneur von Zamfara Gesetze, das neben „Banditerei“ auch Viehdiebstahl, Entführungen und Kultismus unter Todesstrafe bestrafte. Auch hier lässt sich die Versicherheitlichungstheorie anwenden. Die nigerianische Bundesregierung würde die Lösegeldzahlungen versicherheitlichen, um das Verbot der Zahlungen durchzusetzen. Doch neben dem Geld für die Finanzierung des „Banditen“-Kampfes ist auch die Versorgung der „Banditen“ mit Waffen Thema. Dazu morgen mehr.

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09.08.2022 — Nigeria / Katsina / Niger

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (6/12) 3.4 Die Bundesstaaten und der Kampf an der Front Die Bundesstaaten machen Politik gegen die akute Ausübung der Überfälle, gegen die Finanzierung der „Banditen“ und gegen den Schmuggel von Waffen. Von den betroffenen Bundesstaaten macht Zamfara am meisten Politik zur Beendigung des „Banditen“-Konflikts.

3.4.1 Hindernisse zur Ausübung der „Banditen“-Überfälle Während die Bundesregierung mit dem neuen Narrativ zu den islamistischen Verbindungen und dem „Terrorismus“ der „Banditen“ begann, schränkten die vier Bundesstaaten Zamfara, Kaduna, Katsina und Niger Ende August 2021 das öffentliche Leben stark ein, um den „Banditen“ ihre Akivitäten so schwer wie möglich zu machen. In den Bundesstaaten wurden die allwöchentlichen Viehmärkte geschlossen, Viehtransporte mit LKWs wurden verboten, mit mehr als drei Personen auf einem Motorrad zu sitzen wurde verboten, Treibstoffverkauf in Kanistern wurde verboten und Treibstoffverkauf grundsätzlich auf geringe Mengen eingeschränkt. In einigen Bundesstaaten gab es Nachtfahrverbote für Motorradtaxis. Seit September 2021 schränkten die Behörden in Zamfara, Katsina, Sokoto und Kaduna dann die Telekommunikation stark ein. Im Juni 2022 verbot Gouverneur Matawalle in Teilen Zamfaras sogar das Fahren auf Motorrädern gänzlich. Die Polizei solle Motorradfahrer erschießen. Durch diese akuten, teilweise aufeinander abgestimmten politischen Entscheidungen sollte den „Banditen“ die Möglichkeiten genommen werden, ihre Angriffe auszuführen. Die Schließungen der Viehmärkte nahmen den „Banditen“ wichtige Finanzierungsquellen, die verschiedenen Einschränkungen für den Motorradverkehr beschränkten die Mobilität der „Banditen“, die ihre Angriffe häufig auf überbesetzten Motorrädern ausüben und die Einschränkungen des Telekommunikationssystems erschwerte den „Banditen“ ihre Kommunikation zur Abstimmung von Angriffen und Informationsweitergabe über Operationen des nigerianischen Militärs. Doch diese Einschränkungen betrafen nicht nur die „Banditen“, sondern insgesamt rund 20 Millionen Menschen. Die Vermutung, die Gouverneure hätten den Konflikt um die „Banditen“ zunächst versicherheitlichen müssen, um die Einschränkungen des öffentlichen Lebens durchzusetzen, liegt nahe. So sprach Gouverneur Matawalle im Juni 2022 beispielsweise von „security measures“, „security-related challenges“ und davon, dass „the most fundamental focus of governance in the world is security“. Auch bei der Verkündung der vorhergehenden Einschränkungen des öffentlichen Lebens, sprachen die Akteure auf Landesebene vage von „security challenges“ oder einfach „security“. Das sind typische Narrative aus der Versicherheitlichungstheorie. Das Gouvernement von Zamfara würde demzufolge zum Beispiel die Nutzung von Motorrädern und Telekommunikation durch „Banditen“ als Sicherheitsbedrohung für die Körperliche Unversehrtheit der Bevölkerung Zamfaras darstellen, um die Einschränkungen des öffentlichen Lebens zu legitimieren. Doch die Angriffe müssen auch irgendwie finanziert werden. Wie gehen die Bundesstaaten und die Bundesregierung dagegen vor?

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08.08.2022 — Nigeria / Niger / Tschad

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Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (5/12) 3.3 Die Bundesregierung III: „Banditen“, Islamisten und Biafra Der Staat Nigeria steht vor einer Vielzahl sicherheitspolitischer Herausforderungen. Neben den „Banditen“ im Nordwesten des Landes haben islamistische Rebellionen, wie die Boko Haram oder die ISWAP (Islamic State of West Africa Province) im nordöstlichen Bundesstaat Borno, sowie Ansaru in anderen Landesteilen die Kontrolle über einige Landstriche übernommen. Boko Haram und ISWAP sind dabei nicht nur in Nigeria aktiv, sondern auch in den benachbarten Ländern der Tschadsee-Region, Niger, Tschad und Kamerun. Insgesamt konnte die islamistische Gewalt auf den Nordosten lokalisiert werden. Dass ihre drohende Ausbreitung zur Zeit versicherheitlicht wird, habe ich im vorangegangenen Kapitel analysiert. Mit der Tötung der beiden ISWAP- und Boko-Haram-Anführer Shekau und Barnawi 2021 wurden diesen beiden wichtigsten islamistischen Milizen ein großer Schaden zugefügt und seitdem kapitulierten tausende Anhängerinnen und Anhänger dieser Gruppen (2021 und 2022). Als weiteres Sicherheitsproblem betrachtet die nigerianische Bundesregierung die IPOB-Miliz (Indigenous People of Biafra) im Südosten des Landes, die für einen unabhängigen Staat Biafra kämpft. Über sie wurde in diesem Kanal bereits mehrfach berichtet. Sie greift vor allem staatliche Sicherheitskräfte an, führt also einen grundlegend anderen Kampf als die „Banditen“. Die Präsenz der IPOB wird durch die Bundesregierung durch viele Argumente versicherheitlicht. Von Interesse ist jedoch ein Narrativ des nigerianischen Informationsministers Mohammed, laut dem die Bundesregierung keinen Unterschied zwischen IPOB und „terroristischen“ „Banditen“ mache. Hierbei will die nigerianische Bundesregierung, die nigerianische Bevölkerung überzeugen, „übliches“ politisches und militärisches Vorgehen gegen „Terroristen“ gegen die IPOB anzuwenden, da sie Nigeria als „Terroristen“ bedrohen würden. Ob dies nicht vielleicht nur ein rhetorischer Kniff war und keine Politik nach sich zieht, bleibt abzuwarten und muss weitergehend erforscht werden. Wie die Gouverneure der Bundesstaaten gegen die akuten Angriffe vorgehen, ist Thema des morgigen Kapitels.

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