12.10.2022 — Nigeria
Meldung
Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (13/12) 5 Nachtrag: Update Oktober 2022 und Fulani-Perspektive auf den Konflikt Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria hält bis heute an, wenngleich Berichterstattung über einzelne Vorfälle abgenommen hat. Das Armed Conflict Location and Event Data Project ACLED stellt in seinem Halbjahresbericht zu Nigeria fest, dass „civilian targeting increased by 45% throughout the first six months of 2022 [...], with more than 2,300 reported civilian fatalities“ und dass „Government measures to curb violence by these [...] ‘bandits’ have so far largely failed.“ In der Zeit seit der Veröffentlichung der 12-teiligen „Banditen“-Serie auf diesem Kanal im August kamen die „Banditen“ einige male in den Nachrichten vor, wovon ich zwei Ereignisse näher betrachten möchte:
1. Letzte Woche Mittwoch wurden alle 23 verbleibenden Entführungsopfer des Überfalls auf den Schnellzug zwischen Abuja und Kaduna freigelassen. Der Sprengstoff-Überfall hatte im März 2022 in der internationalen Presse eine Welle der Vermutungen ausgelöst, die „Banditen“ könnten nun mit Sprengstoff-geübten islamistischen Gruppierungen kooperieren. Dieser Trend setzte sich seither nicht fort. Bei dem Überfall wurden viele Menschen entführt, aber die Zahlen schwankten: Mal war von 168 Vermissten die Rede, mal von über 100, dann von offizieller Seite von 63. Die vermutlich letzten 23 wurden nun, laut einem Bericht des nigerianischen Vanguard, nach einer Lösegeldzahlung von sechs Milliarden Naira freigelassen, was umgerechnet 14,2 Millionen Euro sind. Die Zahlung von Lösegeld ist seit April 2022 eigentlich verboten. Das Komitee des Verteidigungsministeriums, das die Freilassung der 23 Menschen verhandelt hatte, nennt allerdings keine solche Summe und spricht auch nicht von „Banditen“, sondern von der Boko Haram – einer üblichen Floskel, um Milizen einen Namen zu geben. Ein Mitglied des Komitees nannte in einem Interview eine Lösegeldzahlung in der Höhe von 200.000$, von denen die nigerianische Zeitung The Sun berichtet, sie und private Lösegeldzahlungen von Angehörigen seien bar und in unterschiedlichen Währungen durch den Vermittler Tukur Mamu überreicht worden. Mamu ist der Medienberater des mächtigen Mufti der Zentralmoschee von Kaduna, Ahmad Gumi, der seinerseits als „Banditen“-Versteher gilt und u.a. im Austausch mit dem berüchtigten „Banditen“-Anführer Kachalla Bello Turji steht. Die nigerianische Zeitung The Cable zitiert das Mitglied des Komitees, dass die „bandits never asked for money ab initio, but he [Mamu] put money issue into the whole thing and derailed the process […] for the past six months“. Mamu wurde Anfang September wegen des Vorwurfs festgenommen, den Verhandlungs-Prozess zu verzögern und für seine eigenen Interessen auszunutzen. Im August hatte Mamu seinerseits der Regierung in einem Interview vorgeworfen, den Verhandlungsprozess nicht zu unterstützen, was dazu führe, dass „it will be very very dangerous for me [Tukur Mamu] to continue this “. Er wirft der Regierung vor, die Situation nicht richtig einzuschätzen und den Prozess somit zu verzögern. Es bleibt unklar, wer die Entführer waren, wie viel Lösegeld tatsächlich von Angehörigen oder staatlichen Akteuren bezahlt wurde und ob die Vorwürfe gegen den Vermittler Mamu in ihrer schwere stimmen, oder ob sie teilweise auch staatliches Versagen vertuschen sollen. Klar ist nur: 23 Menschen sind jetzt wieder frei.