13.04.2022 — Butcha / Deutschland / Nigeria
Wahrscheinlich nicht. Denn rhetorische Mittel, die heute in „PR“ und „Propaganda“ eingesetzt werden, richten sich nicht nur auf die Unterstützung verbündeter Regierungen, sondern auch auf die öffentlichen Meinungstrends in verbündeten Staaten. Nicht nur in Demokratien sind sie die Grundlage für eine in der Zukunft liegende Vertiefung der Unterstützung. Unabhängig von der Authentizität der Vorwürfe, also unabhängig davon, ob im Donbass oder Butcha wirklich ein Völkermord stattfand, sind diese geographischen Orte nun in der Zivilgesellschaft der einen oder anderen Kriegspartei untrennbar mit den Emotionen verbunden, die ein Völkermord-Vorwurf hervorruft: Hilflosigkeit, Schuld, Trauer, etc. Der Handlungs-Imperativ aus diesem Vorwurf ist die unbedingte Unterstützung der Kriegspartei, die den Vorwurf erhebt, um nicht „einen weiteren Völkermord“ geschehen zu lassen. Welchem Vorwurf wir glauben, ist nicht nur von uns zugänglichen Beweisen (Satellitenbilder, Statistiken, etc.) und der Völkerrecht-Rechtsprechung abhängig, sondern auch von der medialen und politischen Aufarbeitung der Vorwürfe. Unsere aktuell daraus abgeleiteten öffentlich diskutierten Handlungsmöglichkeiten sind der Verzicht auf russische Güter, die eigene militärische Teilnahme am Krieg und andere Opfer. Wir müssen reflektieren, woher diese Bereitschaft kommt und wir müssen sie hinterfragen. Denn häufig entsprechen sie nicht unseren eigenen Interessen. Auf diese Art und Weise muss Medienkritik stattfinden. Ein historisches Beispiel dafür, wie die Zivilgesellschaft von militärisch kriegsunbeteiligten Staaten Einfluss auf den Kriegsverlauf nehmen können, ist der Nigerianische Bürgerkrieg von 1967-70, auch Biafra-Krieg genannt. Damals wurden, z.B. in Deutschland, gezielt Holocaust-Vergleiche gestreut, um die biafranische politische Agenda im Krieg gegen Nigeria durchzusetzen. In den folgenden Tagen werde ich darlegen, wie die biafranische Propaganda entstand, welchen Einfluss sie auf die damaligen sozialen Bewegungen Deutschlands („68er“) hatte und welche Folgen dies für den Kriegsverlauf hatte. Vielleicht können wir daraus lernen.