Haiti
Haiti
Haiti-Update und neue Sichtweisen (1).
Seit der Ermordung des damaligen Präsidenten Jovenel Moïse in seinem Haus am 07. Juli 2021 ist kein Monat vergangen, in dem ich nicht über die Entwicklungen in Haiti berichtet hätte. Seien es die Varreux-Hafenblockaden durch die G9-Gangallianz Ende 2021, die Bandengewaltspirale und den zunehmenden Zusammenbruch der staatlichen Versorgung 2022, die selbstjustiziäre Bwa Kale-Kale-Bewegung 2023, die lange ersuchte und noch immer nicht umgesetzte internationale Multinationale Sicherheitsunterstützungsmission in Haiti-Intervention und schließlich die aktuellen Ereignisse seit Ende Februar 2024 – meine gesamte Berichterstattung über diese Themen hatte gemein, dass ich sie stark auf den Mord an Moïse im Juli 2021 bezogen habe. Es ist nicht falsch, diesen Bezug herzustellen, aber es braucht mehr. Vor dem Hintergrund der aktuellen Situationen scheinen sich wieder mehr Journalistinnen und Journalisten mit der Politik in Haiti auseinanderzusetzen und nicht bloß Agenturmeldungen zu übernehmen. Einen kleinen Überblick habe ich im Anschluss an diesen Text unter der Zuhilfenahme der empfehlenswerten Suchmaschine monitor.ueberblick.news gemacht.
In diesem kleinen Update will ich also weitere, größere Bögen spannen, die in den täglichen Nachrichten wenig Platz finden, aber essenziell sein können, um die Situation zu verstehen.
Woher stammen die Gangs? 1959-1999 Anfang Februar veröffentlichte die missionarische Nachrichtenagentur der katholischen Kirche Agenzia Fides eine wenig beachtete Analyse über die historische Herkunft der organisierten und bewaffneten Kriminalität in Haiti. Diese Analyse versetzt uns zurück in das Jahr 1959, als der damalige Präsident Francois „Papa Doc“ Duvalier eine paramilitärische Truppe zu seinem eigenen Schutz gründete. Sie sollte einerseits Teile des Militärs vor geplanten Putschs abschrecken, und andererseits zivile oppositionelle Bewegungen zerschlagen. Diese Milizen erhielten den Namen des „Tonton Makout“, einer mythologischen Figur, die Menschen in ihrem Sack verschwinden lässt, vergleichbar mit dem deutschen Butzelmann. Agenzia Fides betont zudem, dass es sich bei den Anführern dieser Milizen um Voodoo-Priester gehandelt haben soll, die bereits zuvor eine Autorität in der Bevölkerung innehatten. Bis 1986 sollen sie bis zu 60.000 Menschen verschwunden lassen haben. 1990 wurde Bertrand Aristide mit seiner historisch einmaligen Massenbewegungs-Partei Fanmi Lavalas in das Amt des Präsidenten gewählt, 1991 jedoch aus dem Amt geputscht. In der daraufhin bis 1994 andauernden Phase politischer Instabilität formierten sich die Ex-Tonton-Makouts neu und nahmen ihre heutige Erscheinung an: Als militärischer Arm der organisierten Kriminalität, sowie einiger Angehöriger aus den Eliten. Als Aristide 1994 nach erfolgreicher Wiederwahl das Militär auflöste, schlossen sich auch ehemalige Armeeangehörige den Banden an und 1999 entstand auch eine pro-Aristide-Miliz, womit Gewalt zum legitimen politischen Mittel des demokratischen Haiti geworden war. Vor dem Hintergrund der anti-Aristide-Einstellung der meisten Gangs und einer damit verbündeten Ablehnung des von Aristide regierten Staatsapparats knüpft ein aktuelles Interview mit Jemima Pierre bei Democracy Now! an, das folgende Frage beantwortet: