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21.04.2022 — Israel / Deutschland

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Die von Adorno beschriebene Tendenz ist in den ersten Aufrufen zu solidarischen Protesten mit Biafra nicht zu erkennen. Im Gegenteil: Im Januar 1968 waren Biafra-Kinder noch nicht in Erscheinung getreten und beim Protestaufruf der westberliner Biafra Union und der Studentenvertretung wird der Biafra-Krieg ein Krieg genannt, „über [den] man kaum oder überhaupt nicht reden [könne], weil aus [ihm] kein politisches Kapital zu schlagen“ sei. Dabei wird wahrscheinlich zwischen politischem Kapital für die west-deutschen Protestbewegungen und politischem Kapital für Biafra Union unterschieden. Denn im weiteren Verlauf des Aufrufs werden durchaus politische Positionen anhand der Beschreibung des Biafra-Krieges vertreten. Der britische Militäreinsatz wird als postkoloniales Manöver wahrgenommen, um die ebenfalls auf Nigerias Seite stehende Sowjetunion nicht zu einflussreich werden zu lassen. Außerdem wirft dieser Aufruf den Nicht-Biafranern Nigerias vor, die Biafraner als „Juden Westafrikas“ und „Israelis“ zu bezeichnen und Rassentheorie nun zur Grundlage des Krieges zu machen. Unterstrichen wird diese, auch für die Aufarbeitung der Verbrechen des Dritten Reiches wichtige Darstellung durch Vokabular, wie „Ausrottungskrieg“ und eine „religiöse“ Dimension. Die Adressaten sind somit sowohl West-Deutsche, als auch Internationale Studierende der TU Berlin. Während die Biafra Union politisches Kapital für Biafraner aus dieser Interpretation des Krieges schlagen konnte, benötigt es offenbar einen angedeuteten Holocaust-Vergleich, um auch die deutsche Studierendenschaft zu mobilisieren. Die west-deutschen Ableger der Biafra Union bestanden zunächst im Kern aus Studierenden der biafranischen Diaspora, also nicht aus West-Deutschen, die die Vergangenheit Deutschlands aufarbeiten müssten. Dieser Aufruf impliziert trotzdem schon im Januar 1968, dass es in Biafra zu einem Völkermord kommen könnte und dieser verhindert werden könne. Es herrschte Verwirrung rund um den Einsatz dieser Begriffe: Im selben Monat schrieb die Biafra Union der Universität Hamburg nämlich mit einem sehr ähnlichen Vokabular, das die Biafra Union West Berlin den Nicht-Biafranern Nigerias vorwarf. Die Biafra Union Hamburg schrieb, dass Biafra „wie Israel“ um seine Existenz kämpfe, und dass dem „ganzen Volk“ die „Ausrottung“ drohe. Trotz des verdrehten Vokabulars bleibt die Botschaft an die West-Deutschen gleich: Der Biafra-Krieg stehe in einer historischen Linie mit den Verbrechen des Dritten Reiches. In der Ausgabe derselben Zeitschrift der Informationen der Stiftung Akademische Auslandsstelle der Universität Hamburg rief die Stiftung und der AStA Hamburg eine Woche später schon zu Spenden, besonders von Medikamenten und Geld auf. Die Darstellung des Biafra-Krieges als „Völkermord“, gegen den Spendensammlungen helfen könnten, etablierte sich in West-Deutschland also gut zwei bis drei Monate, nachdem MarkPress ihre Arbeit aufnahm, aber bevor die Bilder von Biafra-Kindern ihre Verbreitung fanden. Einen direkten Holocaust-Vergleich fördern diese recht frühen Dokumente noch nicht zutage.

Quellen

  1. Mao Archivmao-archiv.de
    https://mao-archiv.de/Scans/BRD/BER/VDS/TU/1968/Berlin_TU_1968_015.jpg