22.08.2021 — Tschad / Katar
Tschad
Tschad will 1/2 seiner Soldaten aus G5-Sahel-Truppen gegen Islamisten-Rebellionen abziehen; drohte bereits 2020 (12.4.20) mit Abzug (gw).
Tschad will 1/2 seiner Soldaten aus G5-Sahel-Truppen gegen Islamisten-Rebellionen abziehen; drohte bereits 2020 (12.4.20) mit Abzug (gw).
Monatsrückblick April 2021 (04/21).
Um die aktuelle Krise im Tschad zu verstehen, muss man sich die Position des Landes innerhalb der Sahel-Zone anschauen. Die Sahel-Zone ist ein Ort für viele und vielfältige Konflikte. Der im Februar-Rückblick (02/21) skizzierte Konflikt zwischen Viehwirten+ und Landwirten+ findet auch im Tschad statt. Allein im Februar gab es durch den Konflikt 35 Tote (18.2), zuvor im November 22 (26.11). Außerdem ist der Tschad ein Transitland für Geflüchtete auf dem Weg nach Libyen und weiter nach Europa (26.9.19). Hier findet also viel Menschenhandel statt, wobei der abgenommen hat. Und natürlich sind auch im Tschad rücksichtslose Bergbaukonzerne am Werk (28.1). Zur Lösung dieser Konflikte finden keine bedeutenden Kooperationen zwischen den betroffenen Ländern statt. Dahingegen zielt der Staatenbund G5-Sahel und die Militärmission MNJTF auf die Bekämpfung der islamistischen Boko Haram aus Nigeria. Für die Boko Haram ist die Sumpflandschaft des Tschad-Sees im Süden des Landes einer der wichtigsten Rückzugsorte, und unter anderem deshalb ist der Tschad besonders im Kampf gegen die Miliz investiert. Von allen Ländern der Region stellt der Tschad die meisten Truppen. Weil der Tschad sich dadurch selbst angreifbarer macht, drohte die Regierung im April letzten Jahres sogar, aus der MNTJF auszusteigen (11.4.20). Der Mann hinter diesem Netzwerk ist Idriss Déby, der schon 30 Jahre lang der Präsident des Tschad war. Déby kämpfte natürlich nicht alleine. Frankreich hat 4500 Soldaten+ im Tschad stationiert (23.12.18). Die tschadischen Truppen stellen aber auch selber ein Problem für die Bevölkerung dar: Im Ausland (3.4), wie im Inland üben tschadischen Soldaten Gewalt gegen Zivilisten+. Das Problem ist sogar so groß, dass die Regierung das Internet verlangsamen ließ, um die Verbreitung eines Videos über Soldatengewalt zu verhindern. Soziale Medien sind ohnehin stark eingeschränkt: 2019 beschloss die Regierung ein Verbot aller sozialen Medien, um Proteste gegen Débys Amtsverlängerung bis 2033 einzuschränken (28.3.19). Und schon im Anbetracht der anstehenden Präsidentschaftswahlen im April, schloss die Polizei im September 12 Zeitungen vorübergehend (8.9) und ging im Dezember gegen einen Radiosender vor (24.12).
Schon im Vorfeld der Wahlen war es also zu Unregelmäßigkeiten gekommen. Anfang März erreichte die Brutalität einen ersten Höhepunkt, als die Polizei bei einer Razzia fünf Familienangehörige des wichtigsten Oppositionspolitikers Kebzabo töteten, darunter seine Mutter (2.3). Gegen weitere Oppositionspolitiker hatte es Mordversuche gegeben, sodass sie sich entschlossen, die Wahl zu boykottieren (10.4). Der Wahltag selber verlief weitestgehend ruhig, und es gab keine Angriffe der Boko Haram oder interkommunale Kämpfe, wie zuvor im Nachbarland Niger.
Der Paukenschlag ertönte trotzdem! Aber nicht von Seiten der Boko Haram aus dem Süden, sondern von einer Rebellion aus dem Norden. Der Norden des Landes ist ganz anderen Kräften unterworfen als der Süden. Dort gibt es Milizen, die in den Krieg von Libyen involviert sind (11.4.19), und es gibt Milizen, die den Anschluss an den Sudan fordern (14.1.19). Der entscheidende Unterschied zwischen der Boko Haram und den Milizen des Nordens ist aber, dass die Milizen des Nordens den Staat Tschad beibehalten wollen (9.2.19), während die Boko Haram versucht, ein Kalifat, also einen anderen Staat auf seinem Boden zu errichten. Für die nun entscheidenden Rebellen-Milizen war seit vielen Jahren Libyen ihr wichtigster Stützpunkt. Dort kämpften 4 tschadische Milizen für General Khalifa Haftar (11.12.19) und von dort planten sie auch stets eine Rückkehr in den Tschad und eine gewaltvolle Übernahme des Staates (27.8). Nun, da der Krieg in Libyen vorerst vorbei ist, haben die tschadischen Milizen dort mehr Ressourcen, um sich auf den Tschad zu konzentrieren und Präsident Déby zu stürzen. Eine ähnliche Kriegslogik gab es mit dem Wiederaufflammen des Darfur-Konflikt im Januar (02/21).
Amnesty International zählt über 200 Tote oder Entführte durch staatliche Armeen der G5-Sahel (13.9.19) seit Januar.
FR und 9 EU-Länder starten "Takuba"-Militärmission in Sahel-Zone, um mit G5-Sahel und Barkhane Terrorismus zu bekämpfen.
Antiterrorallianz G5-Sahel (13.9) bespricht bei außerordentlichem Treffen Umgang mit IS, der vermehrt aktiv sind (11.12).