11.09.2021 — Usbekistan
Usbekistan
Usbekistan fasst die größte Bevölkerung Zentralasiens und viele ethnische Usbekinnen und Usbeken leben in seinen Nachbarländern. Der usbekische Nationalismus kann daher als wichtigster lokaler Nationalismus Zentralasiens gedeutet werden. Die Deutungshoheit über diesen Nationalismus beanspruchen immer wieder, sehr kräftig, dschihadistische Gruppen für sich. Wegen Armut, Arbeitslosigkeit und Politikverdruss nimmt der Zulauf für dschihadistische Gruppen in ganz Zentralasien immer mehr zu, vor allem aber in Usbekistan. In dem Land gibt es seit 1998 eine große dschihadistische, taliban-nahe Bewegung IMU und ethnische Usbeken sind und auch schon in den Reihen der Taliban in Afghanistan vertreten. Usbekistan fürchtet nun eine erneuter Erstarkung der IMU mit dem Sieg der Taliban und fürchtet um seine Stabilität. Da eine Destabilisierung Usbekistans eine Destabilisierung der gesamten Region bedeuten würde, folgen die anderen zentralasiatischen Länder Usbekistans Reaktion auf die Wendung in Afghanistan. Neben dem Dschihadismus haben die zentralasiatischen Staaten zusätzlich die berechtigte Furcht, zu einer Transitregion für den afghanischen Drogenhandel nach Europa zu werden, wie es der Iran derzeit ist. Im Iran sind die Folgen offen sichtlich: Abhängigkeit in der eigenen Bevölkerung, daraus folgend wirtschaftliche Schwäche und Destabilisierung. Um ihre Staaten zu stabilisieren, müssen die zentralasiatischen Regierung also auch einen Krieg gegen die Drogen gewinnen. Diese drei Länder haben also konkurrierende Interessen bezüglich des Wassers und gemeinsame Interessen bezüglich Stabilität. Befeuert wird diese Konkurrenz durch unklare Grenzziehungen im Fergana-Tal – ein Erbe aus Sowjetzeiten. Die alternativen Grenzziehungen erlauben Usbekistan entweder den Zugriff auf Wasserquellen, oder sie verbieten es ihm. Dieser Konflikt ist 2010 mit bis zu 2000 Toten eskaliert. Auch wenn sich Kirgisistan und Usbekistan auf eine Lösung des Konflikts und auf eine gemeinsame Nutzung der Wasserquellen verständigt haben, eskaliert der Streit noch militärisch (30.4.21). Usbekistan greift die tadschikische Wasserpolitik immer seltener an, auch wenn ihre Wirkungen gleich bleiben. Angesichts dieser Lage – den eigenen Herausforderungen und der Gefahr, die die Taliban für Zentralasien darstellt – haben Tadschikistan und Usbekistan in den letzten Monaten den Taliban und ihrem Gottesstaat gegenüber deutliche Zeichen gegeben: Anfang Juli sandte Tadschikistan 20.000 Soldaten an seine Grenze zu Afghanistan (6.7.21), Usbekistan hielt Ende Juli gemeinsam mit Russland ein militärisches Drohmanöver gegen die Taliban ab (24.7) und Anfang August hielt Russland eine Militärübung mit Tadschikistan ab (5.8.21) Usbekistan nahm zunächst einige flüchtenden Militärangehörige der afghanischen Armee auf, schloss aber seine Grenzen im August und wies zivile Flüchtende ab (20.8.21). Auch Tadschikistan nahm zunächst flüchtende Armeeangehörige auf (5.7.21) und versprach sogar die Aufnahme von 100.000 zivilen afghanischen Vertriebenen, doch inzwischen sind auch seine Grenzen zu. Sogar für den flüchtenden afghanischen Präsidenten Ghani war in Tadschikistan scheinbar kein Platz (16.8.21). Da sich die Länder die Hilfe Russlands und der aus Afghanistan abgezogenen NATO-Staaten erhoffen, kooperieren sie mit ihnen entweder militärisch (wie mit Russland), oder bei den Evakuierungsflügen aus Kabul heraus, die ihre erste Zwischenlandung häufig in den zentralasiatischen Staaten hatten. Usbekistan und Tadschikistan haben scheinbar erkannt, dass der Sieg der Taliban die Dschihadisten in ihren eigenen Ländern ermutigen könnte, weitere Gottesstaaten zu errichten. Um gar keinen Funken der „Talibanisierung“ zuzulassen, weisen die Ländern nun alle afghanischen Flüchtenden ab. Um die Einschleusung von Untergrundkämpfern unmöglich zu machen, nehmen die Diktaturen in Kauf, das menschliche Leid der Flüchtenden zu verschlimmern. Denn der relative Frieden in Zentralasien ist nicht selbstverständlich.