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18.05.2020 — USA / Vietnam / China

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Nicht vergessen! Der Biafra-Krieg war auch in die Mühlen des Kalten Krieges gekommen. Nachdem die Sowjetunion zunächst die Republik Biafra unterstützen wollte, die diese aus Furcht vor einer lähmenden Todeswalze, wie jene im Vietnam-Krieg ablehnte, schlug sie sich auf die Seite der Bundesregierung Nigerias mit Jagdflugzeugen, die von ägyptischen Piloten geflogen wurden. Unterstützung der Volksrepublik China, die nicht an Bedingungen geknüpft war, nahm Biafra hingegen an. Auch aus den USA bekam Ost-Nigeria Hilfsversprechen, da der republikanische Bewerber aufs Präsidentenamt Nixon um die Wählergunst der Afroamerikaner werben musste, die mehrheitlich auf Seiten Biafras stand. Ein Schiff, das als Wahlversprechen bereits mit Hilfsmitteln für Biafra beladen war, wurde nach Nixons Wahlsieg wieder entladen. Obwohl die UN nur die Bundesregierung Nigerias anerkannte, unterstützte die Kolonialmacht Portugal Biafra, indem es biafrischen Flugzeugen die Nutzung der portugiesischen Kolonial-Insel Sao São Tomé erlaubte. Das tat es, um Sympathien der afrikanisch-stämmigen Bewohner ihrer damaligen Kolonien Angola, Mosambik Guinea-Bissau und Sao Tomé zu erkaufen, deren Unabhängigkeitsbewegung Ende der 1960er sehr stark waren. Auch das Apartheids-Regime Südafrikas ging nach dieser Taktik vor. Die Schweiz griff mit ihrer Privatwirtschaft zu Gunsten Biafras in den Krieg ein, da es eine schweizer Werbeagentur war, die zusammen mit Ojukwu das Bild des Biafra-Kindes in der Welt verbreitete und die Hungersnot als einen gezielten Genozid darstellte. Skandinavische Länder und kirchliche Hilfsorganisationen unterstützten Biafra aus humanitären Gründen. Zuletzt speilte der Vatikan eine wichtige Rolle, da der Führer Biafras Ojukwu gläubiger Katholik war und auf einige Bitten des Papstes hörte, Blutvergießen zu vermeiden, wodurch er einige Kriegschancen verfehlte. Die ursprünglichen Beweggründe für die Sezession Biafras von Nigeria, nämlich die eigenständige Grenzziehung unabhängig von den kolonialen Grenzen, war somit kaum mehr vorhanden. Stattdessen wurde der Ausgang des Krieges zu Gunsten Nigerias besonders auch zu einem Dämpfer, oder eben zu einem kleinen Erfolg für sehr weit entfernte Länder. Die verdrehte Unterstützung der Kriegsparteien durch die USA und die Sowjetunion, sowie durch China erklärt auch das unbestimmbare Verhältnis Nigerias zum Sozialismus.

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16.05.2020 — Welt / Deutschland

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Aus der Welt gefallen 8.

"Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert (1947) Ein Mann kommt nach Deutschland. Er war lange weg, der Mann. Sehe lange. Vielleicht zu lange. Und er kommt ganz anders wieder, als er wegging. Äußerlich ist er ein naher Verwandter jener Gebilde, die auf den Feldern stehen, um die Vögel (und abends manchmal auch die Menschen) zu erschrecken. Innerlich - auch. Er hat tausend Tage draußen in der Kälte gewartet. Und als Eintrittsgeld musste er mit seiner Kniescheibe bezahlen. Und nachdem er nun tausend Nächte draußen in der Kälte gewartet hat, kommt er endlich doch noch nach Hause. Ein Mann kommt nach Deutschland. Und er erlebt einen ganz tollen Film. Er muss sich während der Vorstellung mehrmals in den Arm kneifen, denn er weiß nicht, ob er wacht oder träumt. Aber dann sieht er, dass es rechts und links neben ihm noch mehr Leute gibt, die alle dasselbe erleben. Und er denkt, dass es dann doch wohl die Wahrheit sein muss. Ja, und als er dann am Schluss mit leerem Magen und kalten Füßen wieder auf der Straße steht, merkt er, dass es eigentlich nur ein ganz alltäglicher Film war, ein ganz alltäglicher Film. Von einem Mann, der nach Deutschland kommt, einer von denen. Einer von denen, die nach Hause kommen und die dann doch nicht nach Hause kommen, weil für die kein Zuhause mehr da ist. Und ihr Zuhause ist dann draußen vor der Tür. Ihr Deutschland ist draußen, nachts im Regen, auf der Straße. Das ist ihr Deutschland.

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14.05.2020 — USA / Afrika / Welt

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Nicht vergessen! Entgegen allgemeiner Annahme war die Regierung von Biafra nicht ein von Rebellen kontrollierter Zusammenwurf, der unfähig wäre zu regieren. General Ojukwu, das Gesicht Biafras war der Sohn des reichsten Mannes von Afrika, der mit umgerechnet 4Mrd$ auch zu den reichsten Menschen der Welt gehörte. Dementsprechend hatte Ojukwu seine Bildung in Oxford genossen und hatte bereits in jungen Jahren ein beachtliches Vermögen angehäuft. Ihre Taktik gegen Nigeria war zunächst von Erfolg gekrönt. Eine Arbeitsgruppe von Schriftstellern und Künstlern malte Propaganda-Karikaturen, die in ganz Nigeria Anklang fanden, und schließlich auch jenseits der Grenzen Afrikas. Die Biafra-Story wurde zur Titelgeschichte in den westlichen Medien, auch wegen der damaligen Friedensbewegung, die ursprünglich gegen den Vietnam-Krieg entstanden war. Am 29. Mai 1969 setzte sich ein Student der Colombia-University Bruce Mayrock vor dem Hauptquartier der UNO in New York City selbst in Brand, um gegen die Biafra-Politik Nigerias zu protestieren, die er einen Genozid nannte. Daran starb er. Als der Druck der eigenen Bevölkerung immer größer wurde, entschieden sich die westlichen Unterstützerstaaten Nigerias für eine neue Strategie, die sich die Friedensbewegung sicher nicht so vorgestellt hatte. Großbritannien und die USA lieferten noch mehr Waffen und Militärausrüstung, um den Krieg zuendezubringen. Die Operation Tail-Wind begann in der letzten Dezemberwoche 1969 unter der Führung von Olusegun Obasanjo, der später zwei mal zum Präsidenten Nigerias gewählt werden würde. Nach drei Wochen war die Offensive erfolgreich beendet und General Ojukwu floh in die Elfenbeinküste. Sein Vize Philip Effiong erklärte am 14. Januar 1970 den Truppen Gowons die Kapitulation. Gowon verkündete die Nationale Versöhnung und den Neuaufbau Nigerias.

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12.05.2020 — Äthiopien / Niger / Norwegen

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Nicht vergessen! Im ersten Jahr des Biafra-Krieges hatte die Zivilbevölkerung noch die Hoffnung, der Krieg würde sie verschonen und die Schlachten außerhalb der Städte stattfinden. Die Frauen waren vielerorts in traditionellen Männerberufen zum Einsatz gekommen, da die Nachfrage nach Soldaten groß war. Die Hoffnung lag auch auf einer friedlichen Lösung. So kam es etwa zu Verhandlungen in Äthiopien unter der Schirmherrschaft des äthiopischen Kaisers Haile Selassie, der als wichtigster politischer und geistlicher Führer Afrikas, sowie der Afroamerikaner galt, die jedoch scheiterten. Die Fronten im Stillstand wusste sich Gowon anders zu helfen und erließ eine wirtschaftliche Blockade Biafras, die Nahrungsmittel- und Waffenlieferungen via Land, Luft und See verbot. Das war die destruktivste politische Entscheidung in der Geschichte Westafrikas, da sie unmittelbar zu einer Hungerwelle führte, die 2,5 Millionen Menschen das Leben kostete, davon die meisten Kinder. Vor dem Krieg waren selbstgefangene Fische aus dem Meer und dem Niger-Fluss, sowie aus Norwegen importierter Stockfisch die Hauptproteinquelle für die Bewohner der Ostregion. Nachdem Fischerei und Stockfisch-Import verboten wurden, bestand die Diät der meisten Bewohner aus Stampf, einer Mischung aus Pflanzensekreten und Staub. Während des Biafra-Krieges waren westliche Medien bald omnipräsent und lieferten Bilder der Hungernden um die Welt. Das Bild des verhungernden afrikanischen Kindes, das bis heute unser Afrika-Bild prägt war geboren. Biafra-Kinder. Die Aushungerungsstrategie der nigerianischen Regierung war unhaltbar, wurde aber immer weiter fortgesetzt, um General Ojukwu zur Kapitulation zu zwingen.

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10.05.2020 — Welt

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Aus der Welt gefallen 7.

Noch eine Himmelfahrt In der Nacht zum Donnerstag starb der Maulwurf. Am Donnerstag Morgen fand ich ihn auf dem Feldweg, den ich mehrmals täglich passiere, und tatsächlich war er noch immer tot. Uns Menschen ist es eben nicht oft vergönnt, einen lebendigen Maulwurf zu sehen. Da ich diesen Feldweg für keine gute letzte Ruhestätte hielt und in einigen Metern Entfernung hinter mir ein Kind mit seiner Mutter ging, wollte ich ihn so schnell wie möglich in die Hecke neben mir legen. Also nahm ich zwei Blätter und ein Stöckchen und hob diesen Maulwurf auf. Weil ich nicht so oft die Möglichkeit dazu habe, inspizierte ich ihn etwas genauer. Als Todesursache ließ sich ein Biss feststellen, vielleicht von einer Katze, die das tote Tier dann verschmäht hat. Es war jedenfalls nicht entstellt und das einzige Blut klebte an seiner Schnauze. Sonst sah das Fell noch frisch und weich aus, so wie man es sich bei Bewohnern des feuchten Erdbodens eigentlich nicht vorstellt. Die Grabwerkzeuge waren recht eindrücklich und die Zähne schienen perfekt zum Insektenfresser zu passen. Ich wollte ihn schon nach Hause mitnehmen, um ihn dort zu sezieren und das Skelett zu konservieren, aber das hätte wohl Ärger mit meinen Mitbewohnern gebracht. Also legte ich ihn vorsichtig in eine Lichtung, wenn man von sowas in einer Hecke denn überhaupt sprechen kann, und ging meines Weges. Am Samstag Morgen war der Maulwurf nicht mehr an seiner Totenstätte. Schnell dachte ich mir, er sei jetzt bestimmt von einem Raubtier gefressen worden, doch noch bevor ich mich mit dieser Erklärung zufriedenstellen konnte, sah ich ihn einen Schritt vor mir, wieder auf dem Feldweg - tot. Da das nun kein Zustand war, schnappte ich mir wieder zwei Blätter und ein Stöckchen, um ihn zurück in die Hecke zu befördern. Nun hatte es seit Donnerstag also zwei ziemlich warme Tage gegeben, die die Kompostierung des Tieres sicherlich vorantrieben. Und so war ich relativ erschrocken, als ich das schon etwas zerzaustere Tierchen hochhob und es sich anfühlte, als seien seine Innereien dabei, sich selbstständig zu machen. Für den Maulwurf etwas unvermittelt warf ich ihn also ins Gebüsch. Unglücklicherweise blieb der flexible Leichnam in einer für einen Toten sehr unwürdigen Position hängen! Kopfüber. Gut, so in der Höhe jedenfalls würde sicher keine Katze und auch kein Hermelin an den Maulwurf kommen und die Angelegenheit sei erledigt. Die kommenden Male, als ich an dem Gebüsch entlanglief schaute ich immer nach dem Tier und zeigte es auch Anderen. Denn so einen hängenden Maulwurf sieht man ja nicht alle Tage. Sonntag war sonnig und heiß und ich war wohl etwas zu lang draußen. Als ich nämlich am heutigen Montag wieder an der Hecke entlanglief, war der Maulwurf erneut fort. Als ich ihn 20 Meter weiter im Feld liegend fand, war ich doch erstaunt, was für Strecken tote Maulwürfe zurücklegen könnten. Aber ich war etwas in Eile und entschied mich, auf dem Rückweg die Situation neueinzuschätzen. Mir schien das Feld jedoch schon am Morgen keine schlechte letzte Ruhestätte zu sein. Auf dem Rückweg bestätigte sich dieser Eindruck. Am Feldrand wuchsen schöne blaue Stiefmütterchen, deren Blüten am Morgen noch verschlossen waren, also eine hübsche Gegend zum tot sein. Neben all den herzlichen Dingen, die man sich auf einem Friedhof wünscht, fehlte jedoch das wichtigste: die Leiche. Ungläubig lief ich drei mal auf und ab, bis ich entschied, dass ich die Sache ruhen lassen sollte und der Maulwurf nun endgültig von der Wildnis verschluckt sei. Und jetzt stehe ich hier, vor der Hecke und wer hängt da langgestreckt durch die Kraft der Erdanziehung und der Sonne? Der Maulwurf! Bin ich etwa Opfer einer Illusion geworden? Kann das ein Sonnenstich von gestern gewesen sein? Oder will mich da jemand reinlegen? Vielleicht der Herr Nachbar, der mich sowieso nicht mag, aber weiß, dass ich diesen Weg immer gehe. Aber würde der sowas tun? Nein, ich glaube, der Maulwurf selber hat mir den Streich gespielt. Amüsiert darüber, wie aufgewühlt ich von seinem Ableben bin, wird er sich sicher gedacht haben.

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02.05.2020 — Welt

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Aus der Welt gefallen 6.

Himmelfahrt Als es vor einer sehr langen Zeit nur ein paar Tausend Menschen auf dieser Welt gab, lebten Kirtin und Kefer. Sie waren kein Teil einer Gruppe, weil die Menschen noch nicht herausgefunden hatten, wie sie sich in größeren Familien ernähren sollten. Wenige male im Jahr trafen Einzelgänger oder Kleinfamilien an besonders fruchtbaren Stellen aufeinander. Dann wurde sich einige kurze Minuten mit den wenigen Worten ausgetauscht, die jeder kannte: Wasser, Tiere und Gefahr. Kirtin und Kefer waren aber bisher die einzigen beiden, die sich selber Namen gegeben hatten. Einmal waren sie an eine Stelle gekommen, die sie über viele Tage ernähren und Schutz bieten konnte. Also schlugen sie ein kleines Lager in einer Lichtung auf. Im Umkreis von zehn Minuten laufen fanden sie einen Bach, Bäume mit süßen und Bäume mit geschmacklosen Früchten, kleine Rehe, Laufvögel und viele Affen. Zwar waren die Tiere eher klein, nicht wie in der Steppe, aber so zahlreich, dass sie bestimmt 60 Tage nicht nach den bitteren Wurzeln buddeln mussten, die sonst ihr Überleben sicherten. Doch am Morgen des 20. Tages fanden sie auf einem Pfad, den sie mehrmals täglich zum Bach gingen ein totes Kind. Es lag mit dem Bauch und dem Gesicht am Boden. Sie fragten sich nicht, woher es gekommen sein mag, sondern hoben es auf. Kefer hatte schonmal einen lebendigen Säugling im Arm gehalten, Kirtin noch nicht. Sie inspizierten es ein wenig. Da waren die geschlossenen Augen, die Nase, der Mund und die Ohren, die sie auch von sich selbst kannten. Der Kopf schien gewaltig groß auf dem kleinen Körper und hing locker schlapp herunter. Sie konnten keine genaue Todesursache feststellen, kein Biss, aber am Hals hing etwas Blut und Fremdfleisch. Da Kefer und Kirtin von Geschlechtern nichts verstanden, kann ich auch heute nicht sagen, ob es ein Junge oder ein Mädchen war. Besonders Kefer war betroffen und entschied, das Kind woanders hinzulegen - auf dem Pfad konnte es schließlich nicht bleiben. Gleich neben dem Pfad wucherte ein trockenes Gebüsch. Also legten sie es vorsichtig in eine Lichtung, wenn man von sowas in einer Hecke überhaupt sprechen kann, und bedeckten es mit Blättern und Stöcken, sodass es aussah, als würde es schlafen. Sie gingen ihres Weges. Jedes mal, wenn sie an der Hecke vorbeiliefen gedachten sie dem Kind und mit jedem mal wurde ihr Herz schwerer. Am Morgen des 22. Tages war der Säugling nicht mehr an seiner Totenstätte. Kirtin und Kefer dachten sich, dass es bestimmt von einem Raubtier gefressen oder in sein Nest verschleppt worden war. Doch noch bevor sie sich mit dieser Erklärung zufriedenstellen konnten, sahen sie es wenige Schritte vor ihnen auf dem Pfad liegen - natürlich tot. Da das nun kein Zustand war, ging Kefer schnell hin und hob es auf, um es an seinen Platz zu legen. Doch inzwischen waren die heiße Sonne und viele Insekten an der Leiche gewesen und sie in Teilen zersetzt. Kefer erschrak sehr, da sich das Kind so anfühlte, als würden sich seine Innereien verselbständigen, und warf es ins Gebüsch. Unglücklicherweise blieb die Leiche im Geäst in einer für einen Toten höchst unwürdigen Position hängen. Kopfüber! In der Höhe jedenfalls, entschieden die beiden Menschen, würde sich kein Raubtier an das Kind kommen und die Angelegenheit sei erledigt. Auch die folgenden Male, die sie zum Wasser liefen guckten sie immer nach dem Kind. Zum schweren Herzen kam Bitterkeit und schlechtes Gewissen hinzu. Schließlich waren sie Schuld, dass das Kind nun entstellt mit blau angeschwollenem Kopf in einer Hecke hing. Aber sie trauten sich nicht, es von neuem zu bewegen. Umso erleichterter waren sie dann am Mittag des 23. Tages, als im Gebüsch kein schlechtes Gewissen mehr hing. Sie fanden das Kind nah an der Quelle auf der anderen Seite des Pfades und wunderten sich, was für Strecken so tote Menschlein zurücklegen konnten. Da sie sehr durstig waren, hatten sie keine Zeit, das Kind von neuem zu begutachten. Ihnen schien beim schnellen Vorbeigehen dieser Ort aber als keine schlechte Ruhestätte und das Kind sah wieder aus, als würde.

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02.05.2020 — Welt

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es nur schlafen. Als sie wieder zurückkamen bestätigte sich dieser Eindruck. Dort wuchsen kleine blaue Blumen und prächtige rote. Doch neben all den Schönheiten, die man sich auf einem Friedhof wünscht fehlte das wichtigste: die Leiche. Ungläubig liefen sie drei mal den Pfad auf und ab, bis sie schlossen, die Angelegenheit nun ruhen zu lassen, da das Kind nun endgültig von der Wildnis verschluckt sei. Es war eine Illusion gewesen, ein Wunschdenken. Denn in der Hecke hing der Säugling noch immer. Kefer und Kirtin hielten das nicht aus. Sie einigten sich, keine Gedanken mehr an die Toten dieser Welt zu verschwenden und ignorierten fortan den verfaulenden Schmerz im Busch. Das konnten sie gut. Sie gingen an jener Stelle einfach schneller, sodass sie auch nichts rochen. Das konnten sie gut bis zum 30. Tag. Dann lag wieder ein totes Kind auf dem Pfad zum Bach.

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26.04.2020 — Welt / Trinidad / Karibik

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Aus der Welt gefallen 5.

Die freien Sklaven von Trinidad Im Jahr 1620 war jede noch so kleine Insel in der Karibik für die spanische Krone wertvoller, als die meisten Fürstentümer der Alten Welt. Auf Zuckerrohrplantagen und in Bergwerken arbeiteten sich afrikanische Sklaven für den exzessiven Wohlstand ihrer Herren und des europäischen Mutterlandes zu Tode. Die meisten Sklaven wurden dreckiger behandelt als die Schweine, an deren Fleisch die Spanier fett wurden. Doch es gab Fälle, zu denen die Herren in ihrem letzten Willen einigen Sklaven die Freiheit schenkten. Viel zu oft wurde dieser letzte Wille nicht erfüllt, da sich die Erben nicht um die Rechte der Sklaven scherten. Die jedoch, die ihre Freiheit bekamen, durften nicht für einen Lohn arbeiten, weil das Schwarzen in den spanischen Kolonien verboten war. So mussten sie in den Gassen um Almosen betteln oder wurden in den Wäldern von wilden Hunden zerrissen. In Trinidad aber vermehrte sich die Zahl jener Sklaven, die ihre Freiheit lebten so sehr durch einige wohltätige Herren, die ihre Schulden nicht mehr bezahlen konnten, dass der Gouverneur das Verbot erließ weitere Sklaven zu befreien. Um die Häfen und Gassen nun von den Schwarzen zu befreien wurde ihnen das Sumpfgebiet Palo Verde zugewiesen. In diesem Morast-Ghetto bauten die Schwarzen Häuser auf Stangen und schon bald wurden erste Kinder geboren. Nach drei Jahren war die Gemeinschaft auf eine Größe von 1100 angewachsen und es gab einen Altar und ein Taufbecken, einen kleinen Markt und viele Farmen, die auf trockengelegten Grundstücken anbauten. Unter allen Farmern tat sich besonders Alfonso Jiménez hervor, der selber noch aus der Costa del Oro verschleppt worden war und seinen wahren Namen nicht mehr kannte. Er baute bald Baumwolle an, das er an die Engländer verkaufte, die sich nicht darum scherten, dass ihnen ein Schwarzer dieses wertvolle Gut beschuf. Es war immer wieder zu Zwischenfällen mit den Spaniern gekommen. Mal entführten sie Frauen aus Palo Verde, mal steckten sie die Felder in Brand. Doch die freien Sklaven von Trinidad wussten, dass jede gewaltvolle Antwort, sei sie noch so gerecht, tausendmal in ihrer Kraft auf sie zurückfallen würde. Sie mussten den Fluch über sich ergehen lassen. Eines Nachts jedoch drang der Verbrecher Fransicso de Juarta in die Hütte des Alfonso Jiménez ein und stürzte sich auf seine Tochter. Als Jimenez von den Rufen und Schreien geweckt wurde, nahm er sein Messer, das ihm von einem Engländer geschenkt worden war und stürzte durch die Tür. Die Engländer hatten ihm ihren Schutz versprochen, sollte der Baumwolle etwas zustoßen. Der Verbrecher beachtete ihn und seine Frau gar nicht, die entsetzt um das Bett standen. Alfonso stürzte sich vor Wut auf den Mann und stach im Glauben auf englische Hilfe zu, und stach wieder zu und wieder, bis jeder Tropfen Blut des Francisco de Juarta seinen Körper verlassen hatte. Seine Kumpane hatte den Mord beobachtet und war sofort in die Stadt gelaufen. Auch in der Siedlung der freien Sklaven verbreitete sich die Kunde schnell und ihre Bewohner bewaffneten sich. Kurz nach Morgengrauen traf die Armee betrunkener Seemänner und anderer Delinquenten in Palo Verde ein. Mit ihren Säbeln und Kanonen massakrierten sie die Männer, Frauen, Kinder und Alte, brannten alles nieder. Nur rund 60 Bewohnern Palo Verdes gelang die Flucht. Der Gouverneur, der das Massaker aus sicherer Entfernung beobachtet hatte erklärte sie noch am selben Tag für vogelfrei. Und so fand man nach nur zwei Monaten den letzten freien Sklaven von Trinidad erschlagen im Hafenbecken treiben.

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