26.04.2022 — Nigeria / Europa / Nordamerika
Meldung
TL;DR "Völkermord gestern und heute" Der Biafra-Krieg von 1967-70 zwischen Nigeria und der abtrünnigen Republik Biafra verlief auf mehreren Ebenen. Militärisch war Biafra unterlegen und fand eine andere, nützliche Methode, um ihre Niederlage hinauszuzögern: Propaganda. Biafranische Propaganda löste in Europa und Nordamerika mit herzzerreißenden Bildern, Völkermord-Vokabeln und Holocaust-Vergleichen eine Betroffenheitswelle aus. Auf dieser Betroffenheitswelle ritten humanitäre Aktionen, die Biafra mit Geld, Lebensmitteln und auch illegalen Waffen versorgten. Das führte zu dem Dilemma, dass die Hilfslieferungen den Krieg verlängerten. Die linken Bewegungen in Deutschland beschäftigten sich eher wenig mit dem Biafra-Krieg und den Biafra-Hilfsaktionen, aber es gab unter ihnen einige hellsichtige Analysen. Insgesamt wurde das Thema „Biafra“ in den Medien und der Öffentlichkeit im Laufe des Jahres 1968, nach nur wenigen Wochen der Aufmerksamkeit fallengelassen. Das liegt unter anderem daran, dass die Alliierten Nigerias Einschätzungen veröffentlichten, dass es in Biafra gar keinen Völkermord gebe. Die kurze Aufmerksamkeitsspanne für Themen, die schwarze Menschen betreffen sind jedoch virulent, noch heute zu erkennen und daher nicht allein durch einen Grund zu erklären. Die in der biafranischen Propaganda eingesetzten Bilder ausgehungerter Kinder prägen noch heute die Darstellung Afrikas in den Nachrichten, bei humanitärer Hilfe und in der Popkultur. Unsere daraus entstandene Wahrnehmung Afrikas ist verheerend, da wir so häufig politische Missstände in Afrika dekontextualisieren und als bloßes Leid darstellen. Unsere Erwartungshaltung afrikanischen Ländern gegenüber ist, dass aus ihnen ohnehin nichts Gutes erwachsen kann. Die Lehren aus dem Biafra-Krieg können eher nicht von Nutzen sein, den Krieg in der Ukraine möglichst schnell zu beenden, aber sie können die Schäden in unserer Gesellschaft vermindern. Dazu gehört es, Russland, den militärischen und wirtschaftlichen Gegner, nicht zu verteufeln. Dies würde bei den während und nach der militärischen Auseinandersetzung notwendigen Gesprächen zu keinen guten Ergebnissen führen. Dazu gehört auch, die Evolution von Begriffen, wie „Völkermord“ genau zu beobachten und zu hinterfragen; zu hinterfragen, welche Opfer wir wofür geben wollen; zu hinterfragen, welche Politik in Reaktion auf den Krieg gemacht wird; und zu hinterfragen, wenn Humanitäre Hilfe an politische oder „moralische“ Bedingungen geknüpft werden.
Danke fürs Lesen!