13.08.2020 — Schweiz / Welt
Meldung
Nicht vergessen! (Bayern-Reise 7) Zu Pfingsten 1793 erfanden die wohlhabenden Frühromantiker Wackenroder und Tieck die fränkische Schweiz. Zu der Zeit beritten die beiden in Berlin geborenen aber in Erlangen immatrikulierten Studenten ganz im Zeitgeist der Romantik die Landschaften und versuchten, sich und Gott in ihr zu finden. Ihre poetischen Texte über die kleinen Städte, Landstraßen, Ruinen, die religiös enthusiastischen Katholiken und die Frauen zwischen Bayreuth und Bamberg zirkulierten bald darauf in der Großstadt Berlin, wo sich Reisegruppen in die Fränkische Schweiz bildeten und der Tourismus sich erfand. Bevor Studenten die Landschaft bereisten waren höchstens einmal interessierte Hobby-Speleologen in die schönen Höhlen der Höhen des Muckendorfer Gebirges vorgedrungen. Damals waren die Menschen natürlich zu Fuß, zu Pferd oder mit dem Fuhrwagen unterwegs, was überhaupt nur bei gutem Wetter funktionierte. In dieser Welt aus Schlamm, Stein und Wildnis erfand übrigens der Metzger Johann Georg Lahner das Wiener Würstchen! Am letzten Tag ihrer Pfingstreise besuchten Wackenroder und Tieck nach einer Bayreuth-Steppvisite die Rosenmüllerhöhle mit ihren riesigen Stalagtiten, Stalagmiten und Stalagmaten, die seit den 1960er Jahren mehrheitlich Tropfsteinräubern zum Opfer gefallen sind. Aus den romantischen Leidenschaftsreisen ist heute eine Aktivurlaub-Industrie geworden, die aus Bootstouren, Kanuverleih, Kletterkursen, Golfplätzen, einer Sommerrodelbahn und Fahrradverleih bestehen. Ausgewiesene Kletterrouten gibt es seit ca. 100 Jahren. Die Tourismusregion kommt trotz des ein oder anderen Staus auf den Landstraßen nicht an ihre Belastungsgrenzen, sondern muss sogar in den harten Konkurrenzkampf mit den anderen Regionen Bayerns und der Welt treten. Die Wirtshäuser, die schon Wackenroder und Tieck für ihre Forellen feierten gelten neben dem Outdoor-Argument als weiterer Grund für die Fränkische Schweiz. Zudem wurden in dieser Region einige traditionelle Prozessionen bewahren, an denen man interessante kulturgeschichtliche Besonderheiten ablesen kann, wie das ausgeprägte Wallfahrtswesen, aus dem noch heute Ehen entstehen.