Seite wird geladen …
NACHRICHTENvon Gestern und Heute
Land / Territorium

Großbritannien

89Nachrichten
Häufig gemeinsam erwähnt
Kanada16%

Nachrichten zu Großbritannien

In Recherche öffnen

03.01.2023 — Bangladesch / Ukraine / Sri Lanka

Meldung

Über Bangladesch findet in diesem Kanal insgesamt eher wenig Berichterstattung statt. 2022 gewährte jedoch einen Einblick in das Land, leider wegen der Finanz- und Wirtschaftskrise, die zu politischen Protesten führte. In Bangladesch kamen in diesem Jahr die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise mit den Folgen des Ukraine-Krieges zusammen: Hohe Energiepreise und schrumpfende Nachfrage trafen die wichtige Textilindustrie, eine der Haupteinnahmequellen für US-Dollars, die Bangladesch braucht, um Schulden und Importe zu bezahlen. Im August, kurz nach den großen Protesten in Sri Lanka, brodelte es auch in Bangladesch heftig, als die Regierung die Treibstoffpreise um 52% anhob. Außerdem drohte eine Ernährungskrise, da der größte Weizenimporteur, Indien, seinen Export wegen des Ukraine-Krieges stoppte. Es kam jedoch noch nicht zu derart großen Protesten und die Regierung beantragte einen neuen Internationaler Währungsfonds-Kredit. Im September und Oktober waren die Rohingya, die 2017 von Myanmar nach Bangladesch vertrieben worden waren, ein wichtiges Thema in Bangladesch: Einerseits, weil ihre Flüchtlingslager von Seiten Myanmars beschossen wurden, aber auch, weil die Regierung Sheikh Hasina sich zunehmend dagegen wehrt, dass die Rohingya dauerhaft Schutz in Bangladesch bekommen. Das liegt wohl nicht nur an populistischem Gehabe gegen eine Minderheit, sondern auch daran, dass der Staat insgesamt ein Finanzierungsproblem hat und Unterstützung benötigt. Im Dezember fanden schließlich die großen Proteste des Jahres 2022 statt, die von Oppositionsparteien angeführt wurden, aber zumindest innerhalb der letzten 2 Wochen ebbten sie abrupt ab.

Neben den genannten Ländern erlebten auch die südasiatischen Länder Nepal und Bhutan ähnliche Staatsfinanzierungskrisen: Nepal, dessen Wirtschaft maßgeblich von der Finanzierung durch Wanderarbeiter+ in arabischen Ländern abhängt, rief im April diese Wanderarbeiter+ auf, die Beiträge für ihre Familien in ausländischen Währungen zu überweisen, da der nepalesischen Zentralbank diese ausländische Währungen fehlte, um Schulden zurückzuzahlen, oder ausländische Importe zu bezahlen; und Bhutans Auslandsreserven schrumpften von 1,3 Milliarden Dollar auf 820 Millionen, woraufhin die Regierung den Import einiger Produkte einschränkte.

Indien überholte 2022 Großbritannien als fünft-wirtschaftsstärkstes Land der Welt, doch die Armut in dem Land, und auch der Hunger nimmt immer mehr zu. An der Regierung war weiterhin der hindu-nationalistische Premierminister Narendra Modi, der der Hindutva-Ideologie folgt und entlang dieser Hassrede, Gewalt und Diskriminierung gegen die größte muslimische Minderheit der Welt ausübt. In den muslimische geprägten Nachbarländern Indiens gab es dagegen Proteste. Die Folgen dieser Ideologie, sowie die Entwicklung der Parteienlandschaft bei Regionalwahlen, führten zu einer gleichbleibend hohen Berichterstattung über Indien. Übertroffen wurde sie jedoch im Juni von der Berichterstattung über die Proteste gegen die Agnipath-Militärreform, durch die zahlreichen Berufssoldaten und Berufssoldaten-Familien die Lebensgrundlage entzogen würde. Im Dezember kam es zu erneuten Scharmützeln an der umstrittenen Grenze zu China. Außenpolitisch fiel Indien besonders auf, als es seinen Weizenexport im Mai wegen des Ukraine-Kriegs und seinen Reisexport im September wegen einer klimawandel-verstärkten Dürre und des Monsuns stark einschränkte.

0 Quellen

22.09.2022 — Russland / Äthiopien / Eritrea

UN

UN-Generalsekretär António Guterres warnt bei UN-Generalversammlung, dass UN 32Mrd$ für humanitäre Maßnahmen fehlen; Fast alle Länder, außer USA, Frankreich und Großbritannien fordern Reform des UN-Sicherheitsrats, wie die Abschaffung des Vetos; UN-Generalsekretär fordert Steuer für Übergewinne der Brennstoffindustrie.

14 Quellen

05.09.2022 — USA / Belize / Guatemala

Meldung

5 Internationale Beziehungen von Belize Das vermutlich angespannteste Verhältnis hat Belize zu seinem direkten Nachbarn Guatemala, das 53% des Staatsgebiets von Belize, seine südliche Hälfte, für sich beansprucht. Auf Google Maps ist die guatemaltekisch-belizische Grenze daher nur gestrichelt eingezeichnet. Der Territorialstreit besteht seit dem 18. Jahrhundert und hat seine Wurzeln in einem Streit zwischen Spanien, das ganz Zentralamerika für sich beanspruchte und Großbritannien, das den von Briten bewohnten Küstenstreifen für sich beanspruchte. Aus den spanischen Kolonien wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts unabhängige Staaten und aus den privaten Kolonien britischer Siedler wurde britisches Einflussgebiet. 1859 schlossen Guatemala und Großbritannien einen Vertrag, der den Grenzverlauf festsetzte und den Bau einer Straße beschloss. Guatemala erkennt diesen Vertrag heute nicht mehr an, da die Finanzierung des Straßenbaus unklar sei. Seit 1945 ist der Anspruch Guatemalas auf Belize (damals noch „Britisch Honduras“) in seiner Verfassung verankert. Seit den 1970ern fand die Unabhängigkeit von Belize zunehmend Zuspruch in Lateinamerika, was die Position Guatemalas schwächte und als Belize 1981 unabhängig wurde, stimmte Guatemala als einziges Land gegen die Aufnahme von Belize in die UN-Generalversammlung. Seit 2001 beansprucht Guatemala nur noch die südliche Hälfte von Belize für sich. Dabei kam es immer wieder zu Schusswechseln entlang der Grenze und 2015 sogar zum Tod eines Kindes. Ende der 2010er einigten sich Guatemala und Belize, den Territorialstreit vor dem Internationalen Gerichtshof beizulegen. Das Verfahren wird im Laufe der 2020er beginnen.

Was Belize und Guatemala als indirekte strategische Verbündete eint, ist die politische Anerkennung und Unterstützung Taiwans durch diplomatische Beziehungen. Somit sind sie [Teil der weltweit nur 14 Länder, darunter auch Honduras, die offizielle diplomatische Beziehungen zu Taiwan unterhalten](https://de.wikipedia.org/wiki/Republik_China_(Taiwa n von /media/Datei:Republik_China-diplomatische_Beziehungen.svg). Die Kooperation zwischen Belize und Taiwan seit 1989 umfasst die normale Bandbreite von Kooperationsabkommen zwischen kleinen Ländern, wie sehr beschränkte Wirtschaftsabkommen und Entwicklungshilfe. Aber die Beziehungen umfassen auch Hilfsleistungen: Nach dem Hurrikan „Earl“ spendete Taiwan 2016 100.000 US-Dollar an Belize, doppelt so viel wie die EU, und seit 2012 besteht ein taiwanesisches Programm zur Versorgung der Landbevölkerung im Landesinneren von Belize mit Fischproteinen.

Belize ist Mitglied der karibischen Staatengemeinschaft Karibische Gemeinschaft, deren Vorsitzende es seit 2021 stellt. Carla Barnett will in ihrem Amt Widerstandsfähigkeit gegen Externe Schocks, wie dem Klimawandel oder der Corona-Pandemie, fördern und sich gegen soziale Notlagen einsetzen. Mit der Dominikanischen Republik unterhält Belize schon länger ein Abkommen über die technische Zusammenarbeit im Tourismussektor.

Belize ist auf der internationalen Bühne ein absolutes Fliegengewicht. Es unterhält diplomatische Vertretungen in Taiwan, Großbritannien, Italien, Belgien, den USA, Mexiko, Guatemala, Honduras, El Salvador, Kuba und der Dominikanischen Republik. Neben von den genannten Ländern befinden sich diplomatische Vertretungen von Japan, Brasilien, Venezuela und Panama in Belize. Die anderen Länder, mit denen Belize diplomatische Beziehungen unterhält, betreiben zumeist ein Belize-Büro ihrer Botschaft in Mexiko, El Salvador oder Guatemala. Seit 2014 nimmt die Zahl der diplomatischen Beziehungen pro Jahr um je zwei bis vier Länder zu, zuletzt mit Nepal, Kenia und Moldawien im laufenden Jahr 2022.

6 Quellen

03.09.2022 — USA / Belize / Großbritannien

Meldung

Ein Blick nach Belize 2022 🇧🇿 Über das zentralamerikanische Land Belize findet in der deutschen Medienlandschaft, und auch hier im Kanal, sehr wenig Berichterstattung statt. Wenn überhaupt, wird Belize häufig in einer Aneinanderreihung zentralamerikanischer oder karibischer Länder genannt. In diesem Kanal beschränkte sich die Berichterstattung auf die Erwähnung der Parlamentswahlen, sowie auf die Erwähnung der internationalen Beziehungen zu den USA, Großbritannien und Taiwan. Das Land ist in etwa so große wie Mecklenburg-Vorpommern, hat aber mit 420.000 Einwohnern eine deutlich geringere Bevölkerungsdichte, vergleichbar mit der Finnlands.

1 Belize – ein englischsprachiges Land in Lateinamerika? Das Land Belize gilt als einziges Land, das trotz seiner englischsprachigen Prägung zu Lateinamerika gezählt wird. Lateinamerika umfasst insbesondere spanischsprachig und portugiesischsprachig geprägte Länder, sowie – je nach Auslegung – französischsprachig geprägte Länder Nord- und Südamerikas. Aber der Begriff steht auch für ein grobes Bild von der kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verfassung eines Landes. Belize weist einige „lateinamerikanische Faktoren“ auf, die es eher in das grobe Bild Lateinamerikas, als in das Angloamerikas (USA und Kanada) einordnen lassen.

Der offensichtlichste Faktor ist die geographische Lage von Belize an der Karibikküste Zentralamerikas zwischen Mexiko und Guatemala, die beide eindeutig zu Lateinamerika zählen. Kulturell ist in Belize eine Mehrheit von 50% katholisch, wobei Pfingst- und Freikirchen seit vielen Jahren einen Aufschwung erleben. Ein ähnlicher Trend ist in anderen lateinamerikanischen Ländern zu beobachten. Die Belizier sind Nachkommen von afrikanischen Sklaven, indigenen Maya, von Europäern, sowie von Südasiaten, die während der britischen Kolonialzeit in die Karibik auswanderten. In der Bevölkerung wächst der spanischsprachige Anteil wegen der Zuwanderung zentralamerikanischer Flüchtlinge und Migranten, sodass inzwischen ½ der Bevölkerung spanischsprachig ist. Das und die hohe Geburtenrate führte zu einem Bevölkerungswachstum von 41% seit 2000 auf jetzt 420.000.

Die Wirtschaft des Landes basiert auf Rohstoffexport und Tourismus und ist durch eine hohe Staatsverschuldung von 85% in ihrer politischen Handlungsfähigkeit stark eingeschränkt. 1/3 der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Edelhölzer werden manchmal noch als der wichtigste Exportrohstoff genannt, aber tatsächlich ist es inzwischen Zucker - ein Wandel der sich auch in der belizischen Landschaft wiederspiegelt. Der Tourismus spezialisierte sich seit den 1990ern auf Öko-Tourismus, für die – alles andere als „öko“ - Korallenriffe zerstört wurden. Die umfassende Ausbreitung der Tourismusindustrie geschah zu einer Zeit, als Belize als wichtige Steueroase galt, die Investitionen für die Hotels von heute also nicht ausreichend versteuert wurden. Das ändert sich seit 2015 ein wenig, als Belize ein Steuerinformationsabkommen mit der Schweiz unterzeichnete. Aber seit 2019 befindet sich Belize wieder auf der EU-Liste der Steueroasen. Laut dem Tax Justice Network kam es so 2021 zu 82 Millionen US-Dollar an Steuerverlusten, was 18% der belizischen Steuereinnahmen entspricht.

6 Quellen

06.08.2022 — Nigeria / Sahel / Sokoto

Meldung

Der „Banditen“-Konflikt in Nordwest-Nigeria – Übersicht der Akteure und ihrer Politik (3/12) 3.1 Die Bundesregierung I: Von „Banditentum“ zum islamistischen Terrorismus Wie die einzelnen Akteure des Konflikts den Konflikt beschreiben trägt zu ihrem Umgang mit dem Konflikt bei, Zentral ist dabei die Behauptung, der Konflikt stelle ein Sicherheitsproblem dar. Das nennt man „Versicherheitlichung“. Im Juli 2021 begannen nigerianische Behörden eine Kampagne zur Legitimierung von weiteren Kampfhandlungen und neuen Strategien gegen die „Banditen“. Damals warnte der nigerianische Immigrationsminister Babandede vor einem größeren "movement of bandits from Zamfara in the northwest towards Borno region [where they] are seeking intensive training by Boko Haram". Dieses Narrativ, die „Banditen“ im Nordwesten und Boko Haram im Nordosten würden sich vereinen und so eine existenzielle Bedrohung für den Staat Nigeria werden, wurde in den Monaten seither kultiviert. Als wohl einschneidendstes Ereignis gilt die konsequente Benennung der „Banditen“ als „Terroristen“ durch die nigerianische Bundesregierung seit November 2021. Einen vorläufigen Höhepunkt erreichten die Vorwürfe, die „Banditen“ und Boko Haram würden sich vereinen, als im März 2022 der Fernzug zwischen Abuja und Kaduna mit Sprengstoff überfallen wurde und eine unbestimmte Anzahl an Fahrgästen entführt wurde. Der nigerianische Senat bat daraufhin Präsident Buhari, den „Banditen“ den Krieg zu erklären. Laut der nigerianischen Regierung war dieser Zugüberfall das Kooperationsergebnis von „Banditen“ und aus dem Nordosten vertriebenen Boko Haram Kämpfern. Das ist das selbe Narrativ, wie das Narrativ Babandedes, aber geographisch genau anders herum. Die Onlineausgabe des traditionsreichen südwest-nigerianischen Nigerian Observer titelte auf Grundlage dieses Verdachts: „Banditry is now the Financial Wing of Boko Haram“ - kein neuer Vorwurf, ergänzt durch Statements, wie „Bandits are now members of Boko Haram“. Das entscheidende Narrativ liegt jedoch in der angeblich drohenden Ausweitung der „Banditen“, und dem Argument folgend somit ebenso der „Boko Haram“ in ganz Nigeria: „Bandits are terrorists who can raise funds for Boko Haram across Nigeria“. Das Bedrohungsnarrativ, das besonders im Süden des Landes Anklang findet, reproduziert bereits vorhergehende Narrative, der muslimische geprägte Norden bedrohe den christlich geprägten Süden. Dieses Narrativ wurzelt in der Zeit der Islamisierung der Sahel-Zone und dem damit verbundenen Sokoto-Dschihad im Norden Nigerias seit dem 18. Jahrhundert. Der seitdem muslimisch geprägte Norden Nigerias bekam während und nach der Kolonialzeit durch Großbritannien aus machtpolitischen Gründen mehr politische Macht, als die südlichen Regionen. Das führte auch nach der Unabhängigkeit Nigerias 1960 dazu, dass Religionszugehörigkeit trotz abnehmender geistlicher Bedeutung, sozial und politisch bis heute spürbar bleibt. Beispielsweise nutzten im Nigerianischen Bürgerkrieg von 1967 bis 1970, auch Biafra-Krieg genannt, christliche Akteure anti-muslimische und islamophobe Propaganda, um ihren Kampf gegen die Bundesregierung zu legitimieren. Und auch 2022 ist das Thema angeblich drohender Islamisierung noch präsent. Edwin Clark, der Vorstand des Forums der Anführer des Südens und des Mittelstreifens Nigerias, beklagte im Juli 2022, dass der Präsidentschaftswahlenkandidat der Regierungspartei APC Tinubu Nigeria „islamisieren“ wolle, weil Tinubu, seinerseits Moslem, einen ebenfalls muslimischen Politiker als seinen Vizepräsidentschaftswahlenkandidaten nominiert hatte. Es existiert also nicht nur die Behauptung, „Banditen“ und Boko Haram seien vereint, was die akute Bedrohung für die mehrheitlich muslimische Bevölkerung des Nordens beschreibt, sondern auch, dass der „Banditen“-Konflikt für die südliche Bevölkerungsmehrheit eine „Islamisierungsgefahr“ darstelle.

6 Quellen

26.04.2022 — Nigeria / Großbritannien / Deutschland

Meldung

Völkermord gestern und heute (12/12) 4 Fazit Alle Waffenlieferer für Nigeria und Biafra, zeichneten sich durch ein Unverständnis für menschliches Leid in Biafra aus, weil sie politisch und nicht moralisch handelten. Auch der SDS hat über einen signifikant langen Zeitraum diese Position vertreten. Andererseits führte eine erneute Waffenlieferung aus Großbritannien im Winter 1969/70 zum Sieg Nigerias und somit zum Ende des Krieges. Alle Seiten wendeten unsägliche NS-Vergleiche an, um die gegnerische Position zu verteufeln und verhinderten auf diese Weise Friedensgespräche, die durch die andauernden Waffenlieferungen ohnehin nicht zu einer dauerhaften Waffenruhe geführt hätten. Einen erheblichen Anteil daran hatte biafranische Propaganda, die von biafranischen, kirchlichen und studentischen Gruppen in West-Deutschland teilweise reproduziert wurde. Sie nutzten den moralischen Kompass der sozialen Bewegungen, dass Krieg und Völkermord zu verhindernde Dinge seien aus, um Spenden zu generieren und den Krieg auf diese Weise künstlich zu verlängern. Auf diese Weise verhinderten sie eine ernste, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der humanitären Krise in Biafra. So schwanken die vermuteten Todeszahlen noch heute zwischen 1-3 Millionen. Die Manöver rund um den Biafra-Krieg fügten dem Bild von Humanitärer Hilfe gleichzeitig Schaden zu, aber sie bildeten auch den Startschuss für das ambivalente und Dilemma-behaftete System Humanitärer Hilfe. Anhand der ausgewählten Schriften der Protestbewegungen in West-Deutschland lässt sich eine Auseinandersetzung mit Biafra, sogar Teile eines öffentlichen Diskurses erkennen. Dies widerspricht Heertens Aussage, „Biafra“ lasse sich nicht in das Protestjahr der Neuen Linken 1968 einordnen. Außerdem lassen sich die Eskalationsstufen biafranischer Propaganda von Kommuniqués über Pressekonferenzen bis hin zu einer Bilderflut der Biafra-Kinder nachvollziehen: Zunächst Schlagworte des „Völkermords“, dann die Fokussierung auf das Leid der Biafra-Kinder und schließlich ein Abebben der Berichterstattung und der aktivistischen Materialien ab Ende 1968, obwohl der Krieg keineswegs vorbei war. Zu dieser Zeit wurde der Bericht „No Genocide“ veröffentlicht. In den Materialien werden, zum Beispiel von Seiten der APO auch kritische Stimmen laut, die den Biafra-Krieg, in post-kolonialer und anti-imperialistischer Sichtweise, als Krieg zwischen zwei oder mehr imperialen Interessensgebieten interpretieren. Und zuletzt findet sich in diesen Schriften auch eine beachtliche Menge von Verwirrung über die Verwendung von Begrifflichkeiten und über Schuldzuweisungen. Neben diesen durchaus kritikwürdigen Aspekten lässt sich anhand der Etablierung der Biafra-Komitees auch ein positiver Punkt feststellen: Die west-deutschen anti-imperialistischen Bewegungen verknüpften sich mit post-kolonialen Bewegungen der damaligen Dritten Welt und schärften so ihr Profil. Dies könnte in der Biafra-Tragödie eine versteckte positive Wirkung gewesen sein.

0 Quellen

16.04.2022 — USA / Niger / Ägypten

Meldung

Zeitgleich zur Blockade des Öls aus dem Niger-Delta fand nämlich im Nahen Osten der Sechstagekrieg zwischen Ägypten, Syrien, Jordanien und Israel statt. Im Zuge dessen wurde der Suez-Kanal von Juni 1967 bis 1975 für europäische Lieferungen geschlossen. Weder die Öllieferungen aus den Golfstaaten, noch die aus Nigeria erreichten somit ab dem Sommer 1967 die Industrien in Europa und insbesondere in Großbritannien. Zu der Zeit dieser produktionstechnischen Notlage begann die britische Armee ihre Zusammenarbeit mit Nigeria, unter anderem bestehend aus der Lieferung von schwerem militärischen Gerät. Aus Anfang der 2000er vom britischen Nationalarchiv veröffentlichten Dokumenten analysierte der Historiker Chibukuike Uche, dass die wirtschaftlichen Interessen der britischen Erdölindustrie maßgeblich für die britische militärische Unterstützung der nigerianischen Armee gewesen seien.

1.2.1 Staatliche Hilfslieferungen an Nigeria und Biafra Während die USA und Großbritannien sich weigerten, Nigerias Luftwaffe auszustatten, verkaufte die Sowjetunion im Sommer 1967 23 Jagdflugzeuge des Typs MiG-17F an Nigeria. Ihr Interesse lag darin, Nigeria zu unterstützen, damit Nigeria zu einem strategischen Verbündeten der Sowjetunion in Afrika würde. Sowohl die Regierungen des angelsächsischen Raums, als auch die Regierung der Sowjetunion buhlten also um gut Beziehungen zu Nigeria. Niemand verkaufte Nigeria jedoch Napalm. Die sowjetischen MiGs wurden 1969 durch acht ausgemusterte MiG-17 Flugzeuge der Nationalen Volksarmee der DDR ergänzt. Sie wurden zunächst von Soldaten der ägyptischen Luftwaffe geflogen, kamen jedoch häufig nicht zum Einsatz. Der Einsatz ägyptischer Streitkräfte konnte den Eindruck eines Holocaust-ähnlichen Genozids gegen die Igbo verstärken. Der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser galt Vielen als „Hitler". Israel, das zeitgleich im Nahen Osten gegen Ägypten kämpfte, verkaufte ebenfalls zunächst schweres militärisches Gerät an Nigeria. Nachdem das Leid der Biafraner öffentlich und zeitgenössische Stimmen zum Holocaust-Vergleich laut wurden, änderte Israel seine Position. Der israelische Geheimdienst Mossad schmuggelte ab 1968 Waffen und Geld nach Biafra. Auch die Tschechoslowakei änderte während des Krieges seine Position und unterstütze zunächst Biafra, dann Nigeria mit Waffenlieferungen. Die Rolle Frankreichs war signifikant für den Kriegsverlauf. Frankreich stand auch nach der Entkolonialisierung Afrikas in den 1960ern in direkter Konkurrenz zu Großbritannien über den Machteinfluss. In Biafra vertrat Frankreich Interessen zur Sicherung der Bodenschatz-Schürfrechte und der Gummiplantagen für den Michelin-Konzern. Über Gabun und die Elfenbeinküste, die Biafra 1968 als Staat anerkannt hatten wurden ehemalige Handfeuerwaffen der Wehrmacht und der italienischen Armee aus dem Zweiten Weltkrieg von Frankreich nach Biafra geschmuggelt. Die Tschechoslowakei verkaufte im Zuge dessen eigene Waffen an Frankreich, die schließlich in Biafra zum Einsatz kamen. Der Waffenhandel verlief auch über die Kolonien des faschistischen Portugals vor der Küste Biafras. China solidarisierte sich mit Biafra in seinem „Kampf gegen anglo-amerikanischen Imperialismus und sowjetischen Revisionismus“. Über Tansania, mit seinem sozialistischen Präsidenten Julius Nyerere, der Biafra 1968 als Staat anerkannt hatte, lieferte China Waffen nach Biafra. Die Position der west-deutschen Regierung wird in späteren Kapiteln behandelt. Mit der UdSSR, den USA, Ägypten und Großbritannien auf der einen, China, Frankreich, dem Vatikan und Portugal auf der anderen Seite (, sowie Israel und der Tschechoslowakei auf beiden Seiten) sprengte der Biafra-Krieg die Ordnung des Kalten Krieges auf eine einzigartige Weise. Doch neben diesen staatlichen Akteuren spielte auch biafranische Propaganda eine wichtige Rolle. Sie beeinflusste die Wahrnehmung des Biafra-Krieges in der Zivilbevölkerung der „Ersten Welt“ zutiefst.

4 Quellen

16.04.2022 — Nigeria / Ukraine / Polen

Meldung

Völkermord gestern und heute (4/12) 1.2 Der Biafra-Krieg 1967-70 Die Zeit der Unabhängigkeitsbewegung Nigerias und der Unabhängigkeit seit 1960 waren turbulent gewesen. Insbesondere die Putschs und Pogrome ab 1966 hatten zu einer Verschärfung der Inneren Konflike Nigerias geführt. Im Mai 1967 erklärte sich die ehemalige Igbo-Region unter dem Namen Republic of Biafra daher für unabhängig. Während die Igbo-Eliten den folgenden Krieg also als einen Unabhängigkeitskrieg verstehen sollten, ging die nigerianische Regierung mit ihm um, wie mit einem Bürgerkrieg. Der entscheidende Unterschied hierbei ist, dass Nigeria somit die eigene Souveränität bedroht sah und somit härtere Maßnahmen besser zu rechtfertigen waren. Und das selbe galt für Biafra, das wiederum für seine Souveränität für größere Opfer bereit war. Ein grundlegendes Unverständnis für die gegnerische Seite und die stetige Versorgung mit militärischen und anderen Gütern führten dazu, dass der Krieg ohne erfolgreiche Verhandlungen immer weiter fortgesetzt wurde und sich verschärfte. Dieses Szenario dürfte uns aus dem Ukraine-Krieg bekannt vorkommen. Zudem entstanden zeitgenössische Analysen des Biafra-Krieges als ein unversöhnlicher Religionskrieg zwischen dem katholischen Südosten und dem muslimischen Norden. Eine solche religiöse Analyse ist mir zum Ukraine-Krieg nicht bekannt. Doch auch zum Ukraine-Krieg druckte beispielsweise die FAZ am 27. Februar 2022 folgende völkische Analyse: „[Es gab] eine gemeinsame Wurzel - die mittelalterliche kiewer Rus. Doch dann gingen die Russen weit nach Nordosten und bildeten letztlich ein riesiges Imperium. Die Ukrainer hingegen schufen ihre Zivilisation zwischen Polen und Russland. Während der gewöhnliche Ukrainer ein Eigentümer ist, einer, der selbstständig seine Ernte einfährt, in gewisser Weise ein Europäer, so ist der Russe eine ganz spezielle Pflanze, ein Steppenläufer ohne Wurzeln." Solche Sichtweisen vernichten jede Form von Verhandlungsgrundlage. Zurück zum Biafra-Krieg. Unverzüglich richtete Nigeria eine Blockade Biafras ein, die Lieferungen von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern verhindern sollte. Diese Blockade erfolgte zur See, aber auch an der Grenze zu Kamerun. Im Westen des frankophonen Kameruns befand sich seit 1901 die anglophone Region Südkamerun, heute besser bekannt als Ambazonien. Diese Region ist prominent im Namen der Igbo-Partei National Council of Nigeria and the Cameroons NCNC vertreten. Von Beginn des Krieges an war das Land, das die NCNC für sich reklamierte also gespalten. Als öffentlich wurde, dass die britischen Ölkonzerne BP und Shell Steuern an Biafra zahlten, wurde zudem der Export von Rohöl blockiert. 10% des in Großbritannien verbrauchten Erdöls stammte damals aus Biafra, wobei diese Zahl angesichts des arabischen Erdölembargos auf 25% erhöht werden sollte. Auch nach Kriegsende wurde dieses Ziel nicht erreicht. Die Erdölimporte aus Nigeria nach Großbritannien erholten sich bis 1972 auf 10%. Nach einem Hoch Ende der 1970er fiel bis 2017 diese Zahl erneut auf 8%. Die Ausgangssituationen und der Kriegsverlauf im Biafa-Krieg und dem Ukraine-Krieg sind also unterschiedlich. Zwar ist auch im Ukraine-Krieg das Thema der Energieversorgung Europas präsent, aber dies ist die Folge der „westlichen“ Sanktionspolitik und nicht die Folge einer militärisch durchgesetzten Blockade. Auch die historischen Umstände waren sehr verschieden.

5 Quellen