21.05.2020 — Nigeria
Meldung
Nicht vergessen! Ob eine Aufarbeitung des Biafra-Krieges stattgefunden hat, hängt davon ab, welche der Konfliktparteien man fragt. Für einige, auch internationale Beobachter waren die Igbo, Yoruba und Fulani bereits kurz nach dem Krieg wieder miteinander versöhnt, für andere spielt das keine Rolle, da sie den Biafra-Krieg für keinen ethnischen Ursprungs halten. Die ehemalige Hauptstadt Biafras ist heute ein blühendes Handelszentrum und Zuhause für etwa eine Millionen Einwohner. Hier ist die Sezessionsbewegung noch immer aktiv und sehr weit verbreitet, da es für viele Händler rentabel wäre. Heute liegt der Nährboden für diese Bewegung in der nigerianischen Hauptstadt Abuja im "Middle Belt" und der Politik des Präsidenten Muhammadu Buhari, der lieber asiatischen, europäischen und nordamerikanischen Konzernen Konzessionen zum Bau von Fabriken vergibt, als einheimischen. Dadurch wird der einheimische Unternehmer benachteiligt gegen einen Konzern, der selber aus seinen Investitionen am meisten Kapital schlägt und nur wenig in Nigeria lässt. Zudem gibt es regelmäßig um Weihnachten herum Polizeiaktionen, bei denen von Igbo geführte Geschäfte außerhalb des Südostens durchsucht werden, um illegale Waren zu finden. Diese beiden direkten Benachteiligungen führen zu einem Gefühl der Ungerechtigkeit, obwohl sich beide nicht nachweisen lassen. Eine strategische oder chronische Benachteiligung der Region des ehemaligen Biafras lassen sich nicht belegen. Im Nationalen Entwicklungsindex von 2015 stehen südöstliche Provinzen in den ersten Rängen, während der Norden abgeschlagen ist. Es ist die Hoffnung junger Igbo nach Chancengleichheit, das Ungerechtigkeitsgefühl und tatsächlich wirtschaftliche Stärke, die zu den immer wieder aufkeimenden Konflikten mit den Fulani führen. 60% der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, trotz guter Ausbildung finden nur wenige einen bezahlten Job, trotz ihrer Masse haben sie kaum politische Repräsentation. Dadurch, dass sie keine andere Möglichkeit haben, ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen, fordern sie "Biafra" und führen Kampagnen gegen den Norden.