Nicht vergessen! Der traditionelle Dschihad der Fulani fand im 18. und 19. Jahrhundert gegen ihre Nachbarn in Westafrika statt. Um 1830 gab es vier Fulani-Staaten: Futa Toro im Senegal, Futa Jallon in Guinea, Masina mit der Weltstadt Timbuktu in Mali, sowie das gewaltige Kalifat von Sokoto in Nigeria. Der Dschihad war als politische Erneuerung im 12. Jahrhundert in Bagdad aufgetreten. Damals gründete der populär-populistische persische Mystiker ʿAbd al-Qādir al-Dschīlānī den sufistischen Qādirīya-Orden, der sich in der gesamten - ich wiederhole und führe gleich aus - in der gesamten islamischen Welt verbreitete. Gerade an ihren Grenzen (haltet euch fest) in der Türkei, auf dem Balkan, im Nordkaukasus, in China, Indien, Pakistan, Indonesien, Ostafrika und eben bei den Fulani war die neue Qādirīya-Ideologie der perfekte Anlass, den eigenen Lebens- und Wirtschaftsraum zu vergrößern. Über Jahrhunderte bestimmte die globale Bewegung des Dschihad die Weltgeschichte. Anhänger der Qādirīya-Ideologie hielten Stellung in Iberien, kämpften gegen Dracula (naja, gegen Vlad III. Drăculea) stießen in Sibirien ans Nordpolarmeer vor, handelten sich die Seidenstraße bis nach China entlang und eroberten den Indischen Ozean, meistens zeitversetzt und ohne voneinander zu wissen. So entstand 1806 auch das Emirat von Kano im Norden Nigerias, das bis heute existiert und regelmäßig in den Nachrichten vorkommt. Kano war im Sokoto-Kalifat die aktivste Stadt mit 60.000 Einwohnern, fast die Hälfte davon Sklaven. In der Zeit entstanden hier der prächtige Emirspalast und die Große Moschee. Doch in der Peripherie der Macht- und Bildungszentren der islamischen Welt in Irak und Syrien galten die Herrscher der Fulani mit der Zeit als ungebildete Kriegsherren. Die theokratisch legitimierte Macht war zentralisiert und die Befehlsketten der beiden Sultanate Gwandu und Sokoto vertikal vom Sultan, über die Emirs und die Hakimis der Distrikte bis zu den Dorfvorstehern. Der mehrheitlich muslimische Norden Nigerias war dementsprechend auch feudal. So entstand, ganz anders als im Süden des Landes ein Establishment, eine Elite, die an politischen, religiösen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen saß und das auf Verwandtschaft beruhte. Diese religiöse, konservative Weltanschauung, hat laut einiger islamophoben Kräfte Süd-Nigerias dazu geführt, dass das Individuum im Norden willenlos und faul sei. Dieses Vorurteil entstammt aus dem Missverständnis, dass armen Handwerker und Bauern im Norden gar keine Auftsiegsmöglichkeiten hatten, dafür ihre gesellschaftliche Stellung auch nicht geächtet wurde. Als europäische Abenteurer und Händler die Region bereisten war es für sie nicht schwierig, sich mit ihrer Gesellschaft vertraut zu machen, weil sie der europäischen in vielen Aspekten ähnelte. Doch hatte der Islam über Jahrhunderte hinweg zur Entwicklung der Region beigetragen war er ab dem 19. Jahrhundert ein Bremsklotz. Fulani widersetzten sich den fremden Erneuerungen und wollten sich nicht anpassen. Allerdings keimte aus diesem Anpassungsunwillen keineswegs eine wahre Opposition zum britischen Kolonialherren.